Weltmeister Jürgen Kohler hat schon vor dem blamablen Aus der deutschen Nationalmannschaft in Russland Fehler in der Jugendausbildung angeprangert. Der 52-jährige ehemalige Weltklasse-Verteidiger glaubt, dass "die Welt wieder einen anderen Zyklus erleben wird - ziemlich sicher sogar". Argentinien und vor allem Brasilien sieht er wieder auf dem Vormarsch. Im exklusiven 90min-Interview erklärt er, was in der Ausbildung in Deutschland schief läuft. Außerdem spricht Kohler über den ausgerufenen Neustart beim BVB und warum es nicht immer der ganz große "Transfer-Kracher" sein muss.


90min: In Deutschland wird immer mehr Kritik laut, dass die individuelle Ausbildung zugunsten von System- und Taktikschulung vernachlässigt wird.

Kohler: Ich finde, man sollte individuelle Stärken, gerade im Jugendbereich, mehr in den Vordergrund stellen. In den Nachwuchsleistungszentren geht es nur noch darum, wer kommt ins Endspiel um die deutsche Meisterschaft in der U17 und U19? Und wer kommt ins Endspiel um den DFB-Pokal? Den einen, den ich da etwas rausnehmen möchte, ist Norbert Elgert [U19-Trainer von Schalke 04]. Der leistet seit über 15, 20 Jahren auf Schalke sensationelle Arbeit. Bei den anderen Trainern muss man sagen, die verfolgen den anderen Weg.


90min: Liegt das am Ergebnis-Druck, der häufig schon im Jugendbereich herrscht? Oder daran, dass die jungen Trainer ehrgeizigere Ziele verfolgen, die sie mit guten Resultaten untermauern wollen?

Kohler: Bei Elgert sieht man, wie gut es funktionieren kann. Er bringt regelmäßig große Talente hervor, wie Höwedes, Özil, Draxler, Kolasinac, Sané oder wie sie alle heißen. Spieler, die dann in ihren Ländern auch Nationalspieler geworden sind. Da hat Elgert ein sehr glückliches Händchen.


90min: Ihr Ex-Klub Borussia Dortmund hat sich in Europa ein Image aufgebaut, das hoffnungsvolle Talente anzieht. Wie stehen Sie zu dem angekündigten Neustart?

Kohler: Wenn man die Resultate anschaut und man irgendwann wieder den Ehrgeiz hat, die Deutsche Meisterschaft anzugreifen, konnte man es nicht so weiterlaufen lassen, wie in den letzten Jahren. Die gute Phase hat mit Jürgen Klopp angefangen und die etwas schlechtere Phase mit seinem Abschied begonnen. Wenn du in den letzten vier, fünf Jahren in der Meisterschaft immer gefühlt zwischen zehn und 15 Punkte Rückstand hast, kann das nicht der dauerhafte Anspruch von Borussia Dortmund sein. Das zählt aber nicht nur für den BVB, sondern auch für andere Vereine. Beim Blick auf die Etat-Zahlen wird deutlich, dass unter den ersten 20 in Europa mindestens drei oder vier Klubs aus der Bundesliga stehen. Unter dem Strich muss man dann einfach sagen, da stimmt irgendetwas nicht in der Liga.


90min: Ist Lucien Favre der richtige Trainer für den Umbruch?

Kohler: Er ist natürlich sehr erfahren. Er ist in der Welt rumgekommen, hat zuletzt in Frankreich mit Nizza gute Ergebnisse erzielt. Vorher ist er in der Schweiz Meister und Pokalsieger geworden und hat in der Bundesliga, vor allem mit Gladbach, sehr gute Arbeit geleistet. Deshalb glaube ich schon, dass er für Borussia Dortmund momentan die richtige Lösung ist.


90min: Delaney, Wolf, Hitz, Diallo. Übernimmt der BVB mit all den Bundesliga-Transfers eine „Bayern-light“-Strategie vergangener Tage?

Kohler: Es ist immer die Frage, welchen Weg man als Verein verfolgt. Die zweite Frage ist, was der Markt hergibt. Zum einen in Bezug auf Gehalt und Ablöse. Zum anderen, ob der Spieler schnell zu integrieren ist oder vielleicht etwas länger braucht. Manchmal ist auch nicht der ganz große Kracher der Bringer, sondern wenn man die passenden Mosaiksteinchen zusammenführt. Dann bekommt man vielleicht Korsettstangen über mehrere Jahre, um die ganz großen Erfolge vielleicht erst in der zweiten oder sogar dritten Saison einzufahren.


90min: Hilft es, dabei besonderen Wert auf die Charaktereigenschaften der neuen Spieler zu legen? Hans-Joachim Watzke hatte das im Hinblick auf den Neuaufbau der Mannschaft besonders betont. Auch, dass man gerade im zentralen Mittelfeld eine Art "aggressive Leader“ braucht. Hat man den mit Thomas Delaney gefunden?

Kohler: Es heißt nicht, wenn ein Spieler in Bremen überragende Leistungen gezeigt hat, dass er auch in Dortmund so funktioniert. Das ist ein Trugschluss. Ein solcher Leader muss sich über Leistung definieren und nicht über Leistungen, die er woanders schon einmal gebracht hat. Ein Anführer kristallisiert sich heraus, wenn er vorangeht, wenn es mal nicht so gut läuft. Da spielen Charaktereigenschaften sicherlich eine große Rolle. Die gilt es aber Jahr für Jahr immer wieder aufs Neue zu beweisen. Dafür kenne ich Delaney zu wenig, um zu wissen, ob er diese Eigenschaften in sich trägt. Eins ist klar: In Dortmund wird er mehr unter Druck stehen als in Bremen. Es ist etwas anderes gegen den Abstieg zu spielen, als vorne angreifen zu wollen. Das ist ein positiver Druck, aber es ist eben auch Druck. 'Normale' Leistungen reichen dann nicht mehr aus. Da muss man eine besondere Form von Persönlichkeit sein, um das leisten zu können.


90min: Was sagen Sie zu Ihrem ehemaligen Teamkollegen Matthias Sammer, der als externer Berater zum BVB zurückgekehrt ist? Begrüßen Sie die Maßnahme und wie stehen Sie zum neuen Kompetenzteam um Sebastian Kehl?

Kohler: Es ist immer gut, wenn man auf Fußball-Fachwissen zurückgreifen kann. Die Frage ist dann immer, inwieweit kann man sich in den Verein einbringen und inwieweit lässt das der Verein auch zu? Die Kompetenzen müssen klar festgelegt sein. Die Wahrheit ist, Sebastian Kehl wird an der Mannschaft dran sein und nicht Matthias Sammer. Sammer wird ab und zu mal kommen und bei einigen Spielen sein. Dann wird man sehen, ob sich das so entwickelt, wie man sich das vorstellt.


90min: Gab es mal Kontakt zu den BVB-Verantwortlichen hinsichtlich einer ähnlichen Rolle?

Kohler: Den gab es nie. Ich weiß auch nicht, ob sie das jemals in Erwägung gezogen haben. Sie haben sich für diesen Weg entschieden und dann ist das auch in Ordnung.


90min: Sie trainieren aktuell die U19 von Viktoria Köln. Gibt es Pläne in naher Zukunft wieder ins Profi-Geschäft einzusteigen?

Kohler: Da mache ich mir keine Gedanken drüber. Ich bin froh, bei einem aufstrebenden Klub wie der Viktoria zu arbeiten. Ich habe gelernt im Fußball, dass man die Dinge auf sich zukommen lassen muss. Dann muss man entscheiden, will man das machen oder nicht.