Wenn sich am Dienstagabend Frankreich und Belgien um den Einzug in das WM-Finale duellieren, wird Thierry Henry zwar die 'Marseillaise' singen, aber dennoch auf der belgischen Bank sitzen. Frankreichs Rekordtorschütze ist Assistenzcoach bei den Roten Teufeln - bei der Stürmer-Legende dürften zwei Herzen in der Brust schlagen.


Wenn sich am Dienstagabend in St. Petersburg Frankreich und Belgien zum ​WM-Halbfinale gegenüberstehen (20 Uhr), ist das für einen Mann auf der belgischen Bank eine ganz außergewöhnliche Situation. Thierry Henry hat 124 Länderspiele für die Equipe Tricolore bestritten, ist mit 51 Treffern Rekordtorschütze der Grande Nation und war wichtiger Bestandteil der Titel-Teams von 1998 und 2000.

Zusammen mit Frankreichs aktuellem Nationaltrainer Didier Deschamps gewann Henry im eigenen Land die Weltmeisterschaft, zwei Jahre später folgte der gemeinsame EM-Triumph. "Es ist bizarr", meinte Deschamps vor der Partie knapp. 

(From left) French players Bernard Diomede, Lilian

Henry (r.) und Deschamps (2. v. r.) bejubeln den WM-Titel 1998


Frankreichs Mittelstürmer Olivier Giroud wurde da schon deutlicher: "Ich möchte ihm zeigen, dass er auf das falsche Pferd gesetzt hat", betonte der 31-Jährige vom FC Chelsea. "Wenn wir gewinnen, wird auch er glücklich sein. Denn am Ende ist er immer noch Franzose", glaubte dagegen Mitspieler Lucas Hernandez. Ähnlich sah es auch Keeper Hugo Lloris, der mit Henry noch gemeinsam im Nationaldress auf dem Platz stand. "Ich denke, sein Herz wird gespalten sein, denn vor allem bleibt er Franzose", so der Tottenham-Schlussmann.

Frankreich und Henry - das Verhältnis ist erkaltet


Die bekannteste französische Sportzeitung L'Equipe titelte am Montag: "Wir haben uns so sehr geliebt", und spielte so auf das erkaltete Verhältnis zwischen Henry und seinem Heimatland an. Als Stürmer-Legende beim ​FC Arsenal und in ​Barcelona war Henry lange Zeit einer der Topstars im Team der Les Bleus. Die Ära um die Jahrtausendwende, die erfolgreichste Zeit in der Geschichte der Nationalmannschaft, hat Henry entscheidend mitgeprägt.

Doch die Beziehung zwischen Frankreich und Henry bröckelte schon zum Ende seiner aktiven Karriere. Henry wird von vielen in der Heimat durchaus kritisch gesehen. In Erinnerung ist immer noch sein Handspiel aus der Playoff-Partie gegen Irland vom November 2009, das Frankreich höchst umstritten zur WM nach Südafrika brachte - auf deutlich unfaire Weise. Häufig zugegen ist Henry zudem nicht. In Les Ulis im Umland von Paris geboren, lebt der 40-Jährige in London und reist um die Welt. Die französische Heimat lässt er dabei aber meist aus.

Wenn am Dienstagabend die französische Nationalhymne 'Marseillaise' im Stadion von St. Petersburg erklingt, kann man dennoch nur erahnen, was in Henry vorgeht. Als Assistenzcoach der Belgier werden wohl zwei Herzen in seiner Brust schlagen. 


Der "Fremdgänger" als "Frankreichs größter Gegner"


Bei den Roten Teufeln jedenfalls ruhen die Hoffnungen auch auf der Expertise des "Fremdgängers", der seit August 2016 als Co-Trainer unter dem Spanier Roberto Martinez das belgische Nationalteam betreut. "Er hat 1998 die WM und 2009 die Champions League gewonnen. Er weiß, was die Spieler fühlen, er kennt den Druck, der auf ihnen lastet", schwärmt Martinez von der Erfahrung seines Assistenten.

FBL-BEL-WC-2018-TRAINING

Martinez (r.) hört genau zu, was Henry (l.) ihm erklärt


Die hat er im laufenden Turnier bislang äußerst erfolgreich an die Spieler weitergegeben. Ob die überragenden belgischen Konter, wie beim Siegtreffer im ​Achtelfinale gegen Japan, auf Henry zurückzuführen sind, sei dahingestellt. Der 40-Jährige war als Aktiver selbst ein ausgewiesener Konterspezialist. 


"Bestimmt geht auch die eine oder andere taktische Umstellung auf eine Idee Henrys zurück", ist sich die belgische Torwart-Ikone Jean-Marie Pfaff jedenfalls sicher. Der ehemalige Bayern-Keeper glaubt deshalb auch: "Frankreichs größter Gegner sitzt auf der belgischen Bank." Für Pfaff ist klar, dass es für Henry "während der 90 Minuten nur das belgische Herz geben" werde. Als Vertrauter von Martinez, sei er extrem wichtig für den belgischen Chefcoach. 


Für den Spanier ist Henry "das perfekte fehlende Stück in unserem Trainerstab. Er hat die internationale Erfahrung eingebracht, das Know-how, wie man eine WM gewinnt". Henry selbst schweigt dagegen lieber. Er steht exklusiv bei einem englischen TV-Sender unter Vertrag. "Ich bin nur der T3", sagte er im Vorfeld in einem Interview lediglich. Also hierarchisch betrachtet nur der zweite Assistenztrainer. 


Spätestens am Dienstagabend wird er aber weitaus mehr sein - als i-Tüpfelchen der Brisanz, im Nachbarschaftsduell um den Einzug in das Finale der Weltmeisterschaft.