Die laufende ​Weltmeisterschaft steckt erneut voller Überraschungen, die man vorher wohl kaum auf dem Schirm gehabt hätte. Sei es das vorzeitige Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft, die Schwierigkeiten, die der Iran und Marokko ihren Gruppengegnern aus Spanien und Portugal geboten haben oder die Tatsache, dass Japan um ein Haar den Titelfavoriten aus Belgien aus dem Turnier geworfen hätte. Niko Kovac, der vor wenigen Tagen mit der Saisonvorbereitung bei seinem neuen Arbeitgeber Bayern München begann, nahm sich die WM zum Anlass, um einen Blick auf den Status Quo des Fußballs zu werfen. Dabei stellte er fest: Nur Ballbesitz reicht nicht aus.


Es ist schon ein wenig verwunderlich, wenn man einen Blick auf diejenigen Mannschaften wirft, die bereits in der Gruppenphase oder in der ersten K.O-Runde, dem Achtelfinale, gescheitert sind. Neben Mannschaften wie Italien oder den Niederlanden, die sich gar nicht erst für die Endrunde in Russland qualifizieren konnten, befinden sich mit Deutschland, Spanien und Argentinien gleich drei Schwergewichte nicht mehr im Rennen um den WM-Pokal. Auch Europameister Portugal musste nach der 1:2-Niederlage gegen Uruguay die Segel streichen, wodurch lediglich Brasilien und Frankreich wie erwartet durch das Turnier marschieren.

Niko Kovac widmet sich in seiner Kolumne '100 Prozent Niko Kovac', die exklusiv in der FAZ veröffentlicht wird, eben jener Frage, weshalb es den Favoriten in diesem Jahr besonders schwer fällt, ihre gewohnte Souveränität auf dem Platz auszustrahlen. Anhand des Beispiels der englischen Nationalmannschaft, denen der 46-Jährige ein "richtiges Bollwerk" in der Abwehr sowie "spielstarke Spieler" im Mittelfeld attestiert, macht er zwei Dinge fest, die für den Erfolg der großen oder kleinen Mannschaften entscheidend seien: "Schnelligkeit und Leidenschaft."


Nur Ballbesitz? Das reicht nicht


"Früher hieß es, die Großen fressen die Kleinen", leitet Kovac, der feststellte, dass die geographische Größe eines Landes keine Rolle mehr spielt, seine These ein. "Talente gibt es überall, auch in kleinen Ländern wie Uruguay, Kroatien, Schweden, Belgien und sogar Island." Diese würden dann das Ausland als Sprungbrett nutzen, um sich in ihrer Karriere weiterzuentwickeln, wie beispielsweise Luis Suarez, Edinson Cavani, Zlatan Ibrahimovic oder Kevin de Bruyne.


Heutzutage sei jedoch zu einem großen Teil die Geschwindigkeit der Spieler entscheidend: "Heute heißt es: die Schnellen fressen die Langsamen. Ohne Geschwindigkeit bringt Ballbesitz heutzutage nicht mehr viel." Dabei seien vor allem Akteure, die technische Fähigkeiten am Ball mit eben jener Schnelligkeit kombinieren, von hoher Bedeutung. Diese würden stets den Unterschied ausmachen, da sie, egal unter welchen Umständen, "immer noch etwas kreieren können."

Bayern Muenchen v Eintracht Frankfurt - DFB Cup Final

  Pokalheld Ante Rebic vereint beide Merkmale: Schnelligkeit und Leidenschaft



Schnelligkeit sei jedoch auch im Umschaltspiel von hoher Relevanz, was Kovac selbst im ​DFB-Pokalfinale eindrucksvoll unter Beweis stellte. Das Konterspiel gegen seinen neuen Arbeitgeber beruhte auf Eckpfeiler Ante Rebic, der Mats Hummels und Niklas Süle mehrmals davonlief und schlussendlich mit einem Doppelpack zum Helden avancierte. Doch statt sich selbst zu loben, nimmt er das Siegtor der Belgier beim 3:2-Erfolg über Japan als Paradebeispiel: "Keine zehn Sekunden dauerte es vom Abfangen der Ecke durch Torwart Courtois, bis der Ball im Netz lag."


Leidenschaft? Unabdingbar


Das Tor von Nacer Chadli nimmt er auch als Beispiel für den zweiten Punkt - Leidenschaft. Dass insgesamt fünf Belgier in der Nachspielzeit über das komplette Feld gesprintet sind, habe ihn beeindruckt. Daher lautet seine These: "Die erfolgreichen Mannschaften fragen nicht nach Aufwand und Ertrag, sie arbeiten und kämpfen mit einem Feuer in den Augen, von der ersten bis zur letzten Minute."

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Doch in puncto Leidenschaft gäbe es einige Unterschiede, da in Kovacs Augen vor allem die südamerikanischen Mannschaften aufgrund ihres Temperaments jedes Mittel nutzen würden, um den Sieg zu erringen. "Die Härte, die dort gepflegt wird, ist meiner Meinung nach grenzwertig", so der Bayern-Trainer, der dafür jedoch Verständnis hegt: "Sie verhalten sich so, wie sie es zuhause gelernt haben, es sind Ausdrucksformen ihrer Mentalität und Kultur." Diese Spielweise sei nicht "bösartig", viel mehr sei es von Kindesbeinen an in ihnen verankert. 


Lob für die Schiedsrichter


Zum Schluss verliert er noch ein paar Worte über die Schiedsrichterleistung, die er lobt und sich als Vorbild für die Bundesliga wünscht, da die Schiedsrichter seiner Meinung nach mehr Aktionen laufen lassen, als es im Liga-Alltag der Fall ist. Zudem plädiert er dafür, Schwalben auch außerhalb des Strafraums mit einer Gelben Karte zu ahnden: "Ich sage den Schiedsrichtern oft, nicht jeder Kontakt ist ein Foul, bedenkt doch, in welcher Situation der Spieler ist, wenn er vermeintlich gefoult wird. Oft ist er in einer aussichtslosen Lage und wirft sich einfach hin, um wenigstens einen Freistoß zu bekommen. Und dann wird er auch noch mit einem Pfiff belohnt."


Die aufgefassten Erkenntnisse wird Niko Kovac sicherlich in die Spielweise des FC Bayern einfließen lassen. In München zählt nichts anderes als Erfolg, doch in den vergangenen beiden Jahren blieb dieser - verhältnismäßig - auf der Strecke. Bereits bei Eintracht Frankfurt hat er bewiesen, dass mit Wille und Leidenschaft viel möglich ist. Gepaart mit der Extraklasse des Kaders des Rekordmeisters kann er durchaus viel erreichen, wenn seine Worte Anklang finden.