Die Vorfreude auf die Weltmeisterschaft war in weiten Teilen Deutschlands riesig - nicht zuletzt auch bei Marco Reus. Der Offensivkünstler von Borussia Dortmund konnte erstmals an einer WM und erst zum zweiten Mal an einem internationalen Turnier teilnehmen, doch aufgrund des vorzeitigen Ausscheidens in der Gruppenphase blieb dem 29-Jährigen nur wenig Zeit, um den Aufenthalt bei der Nationalmannschaft zu genießen. Die Endrunde im Osten Europas entwickelte sich daher allen voran für Marco Reus zu einer Enttäuschung, die ihm wohl am liebsten erspart geblieben wäre.


Endlich, dürfte sich Marco Reus nach der Bekanntgabe des finalen WM-Kaders der deutschen Nationalmannschaft am 4. Juni gesagt haben. Endlich, nachdem er vier Jahre zuvor aufgrund einer Verletzung im letzten Test gegen Armenien die Weltmeisterschaft in Brasilien verpasste, war er nicht nur mental, sondern auch körperlich bereit für sein zweites großes Turnier, nachdem er auch an der Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine teilnehmen konnte.


Schon bei der WM vor vier Jahren hätte der mittlerweile 29-Jährige eine tragende Rolle spielen sollen, auch diesmal wurde sie ihm von Bundestrainer Joachim Löw zugeteilt. Reus, ​urteilte Löw noch im Trainingslager von Eppan, sei ein "wahnsinnig geschickter, intelligenter" Spieler, der über ein "unglaubliches Können" verfüge. Man könne sich auf den flexiblen Angreifer freuen, so der 58-Jährige. 

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In der Tat beruhigte es die Massen, wenn Reus in den Gruppenspielen gegen Mexiko, Schweden und Südkorea zum Einsatz kam - allerdings nicht aufgrund seiner großen Qualitäten. Vielmehr war der Flügelspieler nahezu der einzige in der Offensive, der für Tempo sorgte, der Torgefahr ausstrahlte, und der seine Normalform erreichte. Bei der Auftaktniederlage gegen die Mexikaner wurde der WM-Debütant nach 60 Minuten eingewechselt, doch er allein konnte die Aufholjagd nicht einleiten. Am zweiten Spieltag stand er daher in der Startelf, erzielte gegen hartnäckige Schweden in der zweiten Halbzeit den Ausgleich und verhalf Toni Kroos zu seinem Siegtor in der 95. Minute. 


​Dabei war es vor Turnierbeginn nicht vorgesehen, dass Reus schon frühzeitig der Hoffnungsträger werden sollte: "Wir gehen davon aus, dass das Turnier lange geht und ich vor allem in den wichtigen Spielen gebraucht werde", verhaspelte sich der Dortmunder nach dem Mexiko-Spiel. Zwar revidierte er seine Aussage umgehend ("Auch wenn das heute natürlich auch ein wichtiges Spiel war"), doch die Botschaft war klar: Alle hatten sich das Turnier anders vorgestellt. Reus hätte zunächst geschont werden sollen, wäre dann in der K.O.-Phase ein wichtiger Faktor gewesen.

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Dass er das Potenzial dazu gehabt hätte, verdeutlichte er bereits beim BVB. Nach seinem Kreuzbandriss erzielte er in der abgelaufenen Rückrunde in elf Bundesliga-Einsätzen sieben Tore, in den Testspielen gegen Österreich und Saudi-Arabien stand er erstmals seit März 2016 wieder für die Nationalmannschaft auf dem Platz. Es hätte sein Turnier, sein großer Auftritt werden können (und sollen). Bei einem erfolgreichen Abschneiden hätte er die Störfeuer von außen, ​wie beispielsweise das aufgekeimte Unverständnis über die Nicht-Nominierung von Leroy Sane, verstummen lassen können. Daraus wurde jedoch nichts. 


Es bleibt dabei: Marco Reus' Karriere bleibt von einem Makel gezeichnet


Auf Vereinsebene beendete Marco Reus, der lange Zeit als 'der Unvollendete' galt, im Mai 2017 seine Durststrecke und feierte mit dem DFB-Pokal-Erfolg über Eintracht Frankfurt den ersten großen Titel seiner Karriere. Bei der Nationalmannschaft, in der er aufgrund von Verletzungen nie so richtig ankam, hätte er seine Laufbahn in diesem Jahr krönen können. Doch es kam anders. Nach nur drei Spielen ist die WM vorbei und es ist fraglich, ob Reus - dann im Alter von 33 Jahren -  auch in vier Jahren in Katar wieder mit von der Partie wäre. Die Europameisterschaft in zwei Jahren dürfte er kaum verpassen, doch sein Traum von der Weltmeisterschaft wird sich wohl nie wirklich erfüllen.