Mit einem einfachen taktischen Kniff war die Schaltzentrale im deutschen Aufbauspiel fast komplett lahmgelegt: Die Mexikaner stellten Mats Hummels und Toni Kroos konsequent zu. Ohne die beiden fehlten dem Titelverteidiger die Ideen und Durchschlagskraft im Spiel nach vorne. Taktische und personelle Umstellungen könnten gegen Schweden Besserung verschaffen. 


Nach der ​Auftaktpleite gegen Mexiko wurde die schwache Vorstellung der DFB-Elf von allen Seiten auseinandergenommen. Die ​fehlende Balance zwischen Angriff und Abwehr und daraus resultierende Konter der Mexikaner war einer der Hauptkritikpunkte. Dazu kamen schlechtes Zweikampfverhalten und teilweise mangelnde Einstellung, was ​selbst Jerome Boateng seinem Team vorwarf. ​


Im Spiel nach vorne gab es zudem ungewöhnlich viele Ballverluste - ungewöhnlich viele, wenn man die letzten Jahre der Nationalmannschaft zum Maßstab nimmt. Die Ungenauigkeiten hatten sich in der direkten ​WM-Vorbereitung gegen Österreich und Saudi-Arabien allerdings schon angedeutet. Ein klarer Trend hat sich dagegen fortgesetzt: Die vielen Quer- und Rückpässe des Titelverteidigers. In weiten Teilen der Partie ging Deutschland die Zielstrebigkeit in Richtung mexikanisches Tor nahezu komplett ab.

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Ohne Freiraum: Carlos Vela (r.) war immer in der Nähe von Kroos (l.) zu finden



Das liegt zum einen am DFB-Stil der jüngeren Vergangenheit. Bei der EM 2016 war dieser in "Hochform" zu "bewundern". Eigentlich wollte Löw an der verbesserten Durchschlagskraft arbeiten, wirklich verändert hat sich das deutsche Spiel seither aber nicht. Mesut Özil ist dabei das Paradebeispiel. Der umstrittene Spielmacher "glänzte" zwar mit einer Passquote von über 90 Prozent - schaut man sich seine Abspiele allerdings genauer an, wird relativ schnell klar, woher die relative Genauigkeit überwiegend kommt: aus Quer- und Zurückgeschiebe.


Gewusst wie: Mexiko nahm Hummels und Kroos aus dem Spiel


Ein entscheidender Punkt im mangelnden Offensivspiel, war auch die lahmgelegte DFB-Aufbauzentrale. Das lag vor allem am geschickten zustellen der Mexikaner. El Tri ließ Boateng und Sami Khedira weitestgehend gewähren, stellte aber Toni Kroos und Mats Hummels konsequent  zu. Kamen die beiden doch mal an den Ball, wurden sie direkt unter Druck gesetzt. "Wir kannten Deutschlands Spielstil. Wir wollten Kroos und Hummels nicht zum Aufbau kommen lassen", verriet Ex-Leverkusen-Angreifer Chicharito die Defensiv-Strategie.

Mexiko-Trainer Juan Carlos Osorio stellte Kroos sogar eigens "Manndecker" Carlos Vela zur Seite, der nach rund einer Stunde entkräftet ausgewechselt werden musste. So gelang es Kroos trotz seines eigentlich überragenden Feilaufverhaltens nur selten, den Aufbau der DFB-Elf zu bestimmen. Selbst sein häufig praktiziertes Fallenlassen diagonal nach hinten, in Richtung Außenverteidiger-Position ließ ihm keinen Raum vor "Kettenhund" Vela. Chicharito dagegen konzentrierte sich auf Hummels, der so gar nicht erst zu seinen Vertikalpässen zwischen die Linien der Mexikaner kam.


Alles in allem wurden die deutschen Offensivbemühungen gerade im ersten Durchgang fast komplett lahmgelegt. Spieler, die aufgrund von Kroos' Manndeckung übernehmen hätten sollen, waren kaum im Spiel. Das galt neben Özil auch für Julian Draxler und Thomas Müller. Marvin Plattenhardt war auf links abgeschnitten, was vor allem am Zustellen von Hummels und Kroos lag. Hier hätte es Deutschland mit mehr Diagonalbällen versuchen können, wie sie Boateng in der Anfangsphase einige Male spielte - dann aber mit mehr Risiko und höherer Geschwindigkeit.


Wie es gegen Schweden besser werden könnte


Es bleiben für die schicksalhafte Schweden-Partie (Samstag, 20 Uhr) die vielen Rufe nach Umstellungen und/oder Personalwechsel. ​Der Startelf-Einsatz von Marco Reus liegt dabei auf der Hand. Der BVB-Star ist genau die Art von Spielern, die mehr Zielstrebigkeit versprechen. Eine Möglichkeit für Löw, der mit Sicherheit sein System nicht komplett über den Haufen werfen wird, wäre auch eine andere Rolle für Müller. Der ist schon seit seinem WM-Debüt 2010 über den rechten Flügel verschenkt. Die Lösung? Hier wären zwei Vorschläge:

DFB

Erstens: Das System etwas verändern auf eine 4-3-3-Formation. Heißt, Özil und Draxler raus, dafür Gündogan/Goretzka oder gar beide in die Startelf. Im zentralen Mittelfeld würde ein Trio aus Kroos, Gündogan, Goretzka/Khedira mehr Kompaktheit versprechen, aber auch Spielstärke. Davor könnten Müller und Reus in den Halbräumen agieren und immer wieder in die Spitze stoßen.

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Eine ganz andere Variante wäre die Umstellung auf Dreierkette. Ein Innenverteidiger mehr zur Absicherung, Kroos als "Quarterback", unterstützt von Reus und Gündogan im Mittelfeld. Und im Sturm eine Doppelspitze aus Werner und Müller um den Leipziger herum.

Egal was am Ende passiert, Rekordnationalspieler Lothar Matthäus vertraut auf den Bundestrainer: "Vielleicht eine neue Aufstellung, eine neue Taktik. Jogi Löw wird schon die richtige Antwort finden."