​Gegen in der ersten Halbzeit furios aufspielende Mexikaner zeigten einige der deutschen Nationalspieler ihre schlechteste Leistung seit langem. Vor allem im defensiven Mittelfeld fehlte vollkommen der Zugriff und die Absicherung. Das lag zum einen an einer schlechten taktischen Ausrichtung von Trainer Joachim Löw, aber auch an der katastrophalen Arbeit von Sami Khedira gegen den Ball. 


Die Entstehung des Gegentors zum späteren 0:1-Endstand war sinnbildlich für das Spiel der deutschen Mannschaft: Sami Khedira verdribbelt sich und läuft blind in das zugestellte Zentrum, statt den Ball auf den freien Flügel zu spielen. Hector Herrera geht beherzt dazwischen, erobert den Ball und spielt schnell auf den freistehenden Chicharito Hernandez. Toni Kroos, der in diesem Moment an der Mittellinie noch auf Ballhöhe ist, und Joshua Kimmich, der nach dem Ballverlust nur einen Schritt vom späteren Torschützen Hirving Lozano entfernt steht, traben in gesetztem Joggingtempo zurück, statt nach hinten zu sprinten. Mats Hummels rückt unnötigerweise, weil zu spät, aus der Abwehrkette, ohne dabei den Angriff zu unterbinden und erlaubt den Mexikanern so, einen schnellen Konter in Überzahl zu fahren, der im Gegentreffer mündet - unterm Strich: eine Fehlerkette individuell schlechter Einstellungen und Entscheidungen, die sich in einer kollektiv amateurhaften Absicherung und Rückwärtsbewegung äußert. 


Der ursächliche Ballverlust von Khedira gegen Herrera vor dem Gegentor ist dabei bezeichnend für dessen Leistung und die der deutschen Mannschaft insgesamt: Der erfahrene Khedira zeigte beim WM-Auftakt eines seiner schwächsten Spiele im DFB-Trikot, strahlte eine große Unsicherheit aus, war schwach im Zweikampf, verlor viele Bälle und rückte gegen die konterstarken Mexikaner durchgehend viel zu weit auf, sodass vor der Abwehrkette viel Raum für die zahlreichen Gegenstöße Mexikos entstand. Löw wechselte den Mann von ​Juventus Turin deshalb früh in der zweiten Halbzeit aus, allerdings wäre angesichts der Leistung bereits eine Auswechslung nach der ersten halben Stunde nur folgerichtig gewesen.

Während Khedira nur neun seiner Zweikämpfe gewinnen konnte und nach Marvin Plattenhardt die wenigsten Ballkontakte und Pässe aller deutschen Defensivspieler aufwies, spielte der mexikanische Mittelfeldspieler Hector Herrera vielleicht das beste Spiel seiner Nationalmannschaftskarriere: Herrera spielte mit einer Quote von über 90 Prozent mit 29 Pässen die meisten aller Mexikaner, hatte insgesamt die meisten Ballkontakte der Mittelamerikaner und gewann die meisten Zweikämpfe aller Spieler auf dem Platz (19). Allgemein war der 28-jährige Kapitän des FC Porto der kämpferische Anführer der "El Tri", führte mit fast 40 Zweikämpfen die mit Abstand meisten aller Spieler und beging vier Fouls.


In der Anfangsviertelstunde gewann die deutsche Mannschaft auch wegen der schwachen Doppelsechs nur jeden dritten Zweikampf und fand so von Beginn an nicht ins Spiel. Man kann es durchaus als taktischen Fehler betrachten, dass Löw gegen die erwartet aggressiv und schnell spielenden Mexikaner nur die beiden defensivschwachen und vor allem langsamen Kroos und Khedira aufstellte. Ein Leon Goretzka, der beim Confed Cup gegen Mexiko sehr gut spielte, oder ein Emre Can, der nicht einmal nominiert wurde, hätten bei der deutschen Mannschaft in diesem Spiel sicher besser zum Stil des Gegners gepasst. 

Das erste WM-Spiel offenbarte, was sich schon in den letzten zwei Jahren in den Testspielen gegen große Gegner andeutete: Eine Doppelsechs aus Kroos und Khedira bringt zu wenig defensives Denken und schlicht Qualität gegen den Ball mit, was das deutsche Spiel aus der Balance bringt, wenn die Ballsicherheit und -kontrolle fehlt. Gegen Mexiko zeigte sich, wie groß die Lücken sind, die Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm nach ihren Rücktritten in der Nationalmannschaft hinterlassen haben. Das bemängelte nach dem Spiel auch Hummels, der selbst nicht sein bestes Spiel machte, aber mit der Analyse Recht hat: "Wenn sieben oder acht Spieler offensiv spielen, dann ist klar, dass die offensive Wucht größer ist als die defensive Stabilität. Unsere Absicherung steht nicht gut, das muss man sagen - oft waren nur Jerome und ich hinten. So haben sie uns heute gnadenlos ausgekontert."


Im nächsten Spiel gegen die Schweden dürfte davon auszugehen sein, dass die Skandinavier deutlich weniger aggressiv und eher abwartend agieren werden. Es wäre also durchaus einer Überlegung wert, ob man den 31-jährigen Khedira gegen die robusten Schweden auf die Bank setzt und entweder mit Goretzka mehr läuferische und kämpferische Qualität, oder mit Ilkay Gündogan mehr Ballsicherheit und Qualität im Spielaufbau ins Spiel bringt, um Kroos, der gegen Mexiko ebenfalls schwach spielte, entweder defensiv oder offensiv zu entlasten.