Viel hatte sich die deutsche Nationalmannschaft im Vorfeld des Auftaktspiels gegen Mexiko vorgenommen, davon zu sehen war allerdings nur wenig. Besonders im ersten Durchgang blieb die Elf von Joachim Löw weit unter ihren Möglichkeiten. ​Was folgte, war ein eindeutiger Warnschuss.


Im Lager des DFB waren sich in den vergangenen Tagen alle einig: Die Vorbereitungsspiele sind das eine, aber was zählt, sind einzig und allein die Spiele bei der Weltmeisterschaft. Die erste Begegnung in Gruppe F erfolgte gegen Mexiko, doch trotz der ​vorherigen Warnung des Bundestrainers ließ die Mannschaft besonders im ersten Durchgang fast alles vermissen, was sie in den letzten Jahren so erfolgreich machte.


Von Beginn an war die Balance kaum vorhanden, die Defensive zu hektisch. Bereits in der zweiten Minute klärte Jerome Boateng in höchster Not gegen Horving Lozano, der aus spitzem Winkel die frühe Führung für 'El Tri' hätte erzielen können. Die Anfangsphase ging klar an die Mexikaner, die gallig, spritzig und brandgefährlich waren - lediglich an Manuel Neuer fanden sie keinen Weg vorbei. Doch auch im Angriff blieb die gewohnte Kreativität und Spielfreude des Titelverteidigers, der es makellos durch die Qualifikation schaffte, auf der Strecke. Stattdessen blieben die Zwischenräume unbesetzt und die Mexikaner konnten das Zentrum leidenschaftlich dicht halten. 

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   Eine der wenigen Lichtblicke in der Defensive: Innenverteidiger Jerome Boateng (r.) der rechtzeitig fit wurde und einige Aktionen in letzter Sekunde klärte


Deutschland drückte, fand jedoch keinen Weg durch und ließ weiterhin die Balance in der Rückwärtsbewegung vermissen. Mal rückte ein Abwehrspieler zu voreilig raus, mal zeigten die beiden defensiven Mittelfeldspieler, Toni Kroos und Sami Khedira, nicht den entscheidenden Einsatz. Besonders letzterer erwischte einen schwachen Nachmittag, leistete sich einige individuelle Fehler und stand sinnbildlich für die teils chaotische Defensivleistung. Das Gegentor durch Lozano entstand ebenfalls aus einem individuellen Fehler, diesmal jedoch von Mats Hummels, der die Pforten öffnete und zusätzlich am Mittelkreis ausrutschte.


Besserung nach dem Seitenwechsel - doch es blieb zu wenig


In der zweiten Halbzeit folgte besonders dank der Einwechslung von Marco Reus, der Tempo und Spielwitz in die Partie brachte, eine Leistungssteigerung. Doch längst hatte sich der Gegner darauf eingestellt, die Schotten dicht zu machen und die Angriffswellen ertragen zu müssen. Alles in allem fand man noch immer keinen Weg durch die eng gestrickten Abwehrreihen, zudem erwischte Guillermo Ochoa einen guten Tag und entschärfte den ein oder anderen Schuss aufs Tor. 

Germany v Mexico: Group F - 2018 FIFA World Cup Russia

  Nach 60 Minuten ersetzte Reus den unglücklichen Khedira und brachte die DFB-Elf zumindest etwas in Schwung


Die Zielsetzung vor WM-Beginn war klar. Der Titel muss nicht zwingend verteidigt werden, aber man will auf jeden Fall so weit kommen, wie es nur möglich ist. Doch dafür darf man sich auf keinen Fall so einen Auftritt wie im ersten Durchgang erlauben, in dem es an allem fehlte. Die Spannung und Körpersprache war nicht vorhanden, viel mehr ließ man den Gegner bei Angriffen munter kombinieren und passieren. Dass die Mannschaft von Juan Carlos Osorio nicht mehr Kapital schlagen konnte, lag daran, dass sie ihre Konter ab und an zu kompliziert ausgespielt hat - und an Neuer. Der Torhüter erreichte als einziger seine Normalform, blieb über 90 Minuten ein sicherer Rückhalt.


Auf den Trainerstab wartet viel Arbeit


Auch Reus bot eine ordentliche Leistung und empfahl sich für einen Platz in der Anfangsformation gegen den kommenden Gegner aus Schweden. Der Rest - wie beispielsweise Kroos - wurde entweder sehr gut zugestellt oder blieb - wie Khedira - weit unter seinen Möglichkeiten. Ebenfalls bot die rechte Seite zu viele Räume für die Mexikaner, da Kimmich weit aufrückte. Der Münchner war bemüht, doch seine Flanken fanden keinen Abnehmer und so erfolgte im ersten Durchgang immer wieder ein Konter nach dem anderen über die linke Angriffsseite des Gegners.

Germany v Mexico: Group F - 2018 FIFA World Cup Russia

  Sichtlich bedient: Der Bundestrainer kann mit dem Auftritt seiner Spieler kaum zufrieden sein


In den kommenden Tagen werden Löw & Co. die Zügel noch einmal anziehen und vor allem an der defensiven Ordnung und der Rückwärtsbewegung feilen müssen. Die Balance war nach dem Seitenwechsel vorhanden, doch beste Gelegenheiten gab es meist nur aus der zweiten Reihe. 


Die deutsche Nationalmannschaft hat sich über Jahre den Ruf erarbeitet, eine Turniermannschaft zu sein. Doch die 'Maschine', wie Zlatan Ibrahimovic die DFB-Elf zuletzt taufte, war heute über weite Strecken im Stand-By-Betrieb. Klar ist: So wird es für den fünften Titel auf keinen Fall reichen, stattdessen wird man nun darum kämpfen müssen, das Achtelfinale zu erreichen und sich Momentum und Selbstvertrauen gegen Schweden und Südkorea zu erarbeiten.