In zwei Tagen startet Titelfavorit Spanien mit dem Gruppen-Kracher gegen Europameister Portugal ins WM-Turnier. Einen Trainer hat die Furia Roja derzeit nicht: Julen Lopetegui wurde nach der Bekanntgabe seines Wechsels zu Real Madrid entlassen. Verbandspräsident Luis Rubiales erklärte am Mittwoch die Gründe für das spanische Desaster.


Nach der Hammer-Nachricht vom Dienstag, folgte am Mittwoch der Schock: Julen Lopetegui wurde vom spanischen Verbandspräsidenten Luis Rubiales ​mit sofortiger Wirkung von seinem Amt als Nationaltrainer enthoben. Das gab Rubiales im Rahmen einer extra einberaumten Pressekonferenz bekannt. "Wir danken Julen für alles, was er getan hat, denn er ist dafür verantwortlich, dass wir in Russland sind, aber wir müssen ihn entlassen", erklärte der 40-Jährige.


​Lopetegui wurde am Tag zuvor als Nachfolger von Zinedie Zidane bei Real Madrid vorgestellt. Bei den Königlichen soll Lopetegui einen Dreijahresvertrag unterschreiben. Dabei machte sich Real die Ausstiegsklausel des geschassten Nationaltrainers zunutze. Der hatte zwar erst vor rund vier Wochen einen neuen Vertrag beim spanischen Verband bis 2022 unterschrieben, darin war aber offenbar auch eine Ausstiegsklausel in Höhe von zwei Millionen Euro enthalten.

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Spaniens Verbandspräsident Luis Rubiales erklärt die Gründe für die Lopetegui-Entlassung.


"Ich fühle mich nicht betrogen", entgegnete Rubiales dem vermeintlichen Grund für die überraschende Entlassung. "Wir sahen uns mit einer unerwarteten Situation konfrontiert, denn wir haben erst fünf Minuten vor Bekanntgabe von der Entscheidung erfahren. Dieses Handeln ist legitim und völlig legal, aber wir als Verband des spanischen Fußballs müssen eine Botschaft senden an alle Mitarbeiter und zwar, dass es gewisse Verhaltensweisen gibt, an die man sich halten muss", begründete Rubiales sein Vorgehen. Lopetegui nahm er dabei in Schutz und schob die Schuld Real Madrid zu: "Das Verhalten des Trainers war stets tadellos, aber die Umstände zwangen uns zu dieser Entscheidung. Das Verhalten derer, die diese Verhandlungen ohne jegliche Kenntnis des Verbandes vorangetrieben haben", sei nicht akzeptabel gewesen.

Er habe "mit allen Beteiligten über die Entscheidung gesprochen“ und "mit der Unterstützung des gesamten Vorstandes" gehandelt, bekräftigte Rubiales. Er wisse nicht, ob das die beste Entscheidung sein, aber er wolle sich selbst treu bleiben und die Werte des Verbandes erhalten. 


Übernimmt Sportdirektor Hierro oder U21-Coach Celades?


Damit stehen die Spanier plötzlich ohne Trainer da. "Wir stecken in einer komplizierten Situation, die komplizierteste, die man sich vorstellen kann", weiß auch Rubiales. Eine Antwort darauf, wer das Training von nun an im spanischen WM-Quartier in Krasnodar übernehmen soll, hatte der Verbandsboss dann auch parat. Sportdirektor Fernando Hierro übernimmt die Mannschaft.


Die Unruhe bei einem der größten Titelfavoriten zwei Tage vor dem Auftaktspiel gegen Europameister Portugal (Freitag, 20 Uhr) könnte heftiger kaum sein. Die Mannschaft habe die Entscheidung zwar "akzeptiert", erklärte Rubiales. Der Glaube an eine erfolgreiche WM soll mannschaftsintern aber stark geschwunden sein. Ohne Lopetegui, der in 20 Spielen als Nationalcoach ungeschlagen blieb, glauben viele Spieler, dass es keine Chance auf den WM-Titel gebe, berichtet Radio Marca.

Besonders prekär erscheint die Lage für die sechs Real-Profis im spanischen Aufgebot. Bei ihnen soll die Entscheidung für Lopetegui als neuer Trainer der Königlichen ​bereits während der Anreise am Freitag durchgesickert sein. Kapitän Sergio Ramos habe sogar als Mittelsmann agiert. Ob Rubiales mit seiner Kritik am Ablauf der Verhandlungen auch auf den Spielführer abzielte, bleibt unklar. Der Verbandschef betonte seine enge Beziehung zu den Spielern.


Sechs von ihnen bekommen nun einen neuen Vereinstrainer, den sie aus dem Nationalteam bestens kennen und wohl auch schätzen. Auf der anderen Seite dürfte sich aber gerade Ramos auch den Konsequenzen bewusst sein: Einen ruhigen WM-Verlauf kann sich die Furia Roja nun abschminken.


Lopetegui: Für Spanien ein Desaster - für Real ein Glücksfall?


Aus Sicht der Königlichen ist mit Lopetegui dagegen ein guter Deal gelungen. Auf dem schwierigen Trainermarkt scheint der 51-Jährige die beste, verfügbare Lösung gewesen zu sein. Wunschkandidat Mauricio Pochettino wäre wohl selbst für eine 100-Millionen-Euro-Ablöse nicht aus Tottenham loszueisen gewesen. Mit Lopetegui bekommt Real einen erfahrenen Fachmann, der sich im spanischen und internationalen Fußball bestens auskennt und bei den Spielern einen hohen Stellenwert genießen dürfte.

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Hat Sergio Ramos (l.) zwischen Julen Lopetegui (r.) und Real Madrid vermittelt?


Gründe, warum sich die Real-Bosse für einen Dreijahresvertrag entschieden haben könnten. Nachdem klar wurde, dass die absoluten Wunschlösungen nicht zu realisieren sind, war über eine Übergangstrainer für ein Jahr spekuliert worden. Nach drei Champions-League-Titeln in Serie und dem drohenden Abgang von Cristiano Ronaldo, will man aber nun offenbar mit Lopetegui schrittweise einen Umbruch im Kader einleiten.