Der BVB braucht wieder eine Identität. Der Schweizer Lucien Favre soll sie mit seiner Spielidee bringen. Ab der kommenden Saison könnte bei der Borussia der Fokus wieder auf dem Ballbesitzspiel liegen - zusammen mit Elementen aus den erfolgreiche Klopp-Tagen. Am Ende des Spielfelds sind Favre vor allem die Eins-gegen-eins-Qualitäten wichtig.


Lucien Favre wird ab der kommenden Saison an der Seitenlinie von ​Borussia Dortmund stehen. Nach drei Jahren ​Bundesliga-Abstinenz kehrt der Schweizer zurück nach Deutschland. Der 60-Jährige gilt als Perfektionist und als Detailversessener. Bei seinen Stationen in ​Berlin und in ​Gladbach feierte Favre große Erfolge. Gerade das Fohlen-Spiel zeichnete sich unter ihm durch gepflegten Ballbesitzfußball aus - eine Qualität, mit der er auch den BVB zurück in die Spur führen soll.


"Ich freue mich riesig darauf, wieder nach Deutschland zurückzukehren und bin sehr dankbar, dass ich mit dem BVB einen der spannendsten Vereine Europas übernehmen darf", schreibt Favre in seiner Kolumne für Sportbuzzer. Offiziell darf er ab dem ersten Juli loslegen und seinem neuen Team das favresche Konzept einimpfen.


Wie das in etwa aussieht, erklärte Favre im vergangenen Jahr in einem Interview mit dem Fußabllmagazin Socrates. Damals trainierte er noch den französischen Erstligisten OGC Nizza, mit dem er in seinem zweiten Jahr knapp die erneute Europa-League-Qualifikation verpasst hat.


"Kein Ballbesitz des Ballbesitz wegens"


"Ich bin ein Fan von Ballbesitz", bekräftigte der 60-Jährige. Das wurde in seiner Zeit bei der Gladbacher Borussia deutlich. Favre setzte dort meist auf ein 4-4-2-System mit nur einer oder sogar keiner echten Spitze. Kontrollierter Aufbau und eine variable Offensivreihe waren Hauptmerkmale der Fohlen unter Favre. In Nizza setzte er dagegen meist auf ein 4-3-3 mit echten Flügelstürmern und einem Angreifer in der Mitte. Eine Formation, die durchaus auch zum BVB passen könnte.

Optionen besitzt Favre gerade um seinen ehemaligen Musterschüler Marco Reus viele. Der könnte auch als zweite Spitze oder "falsche Neun" im 4-4-2 agieren. Eine entscheidende Rolle nimmt die Systemfrage bei Favre ohnehin nicht ein. "Sie werden während des Spiels angepasst. Zum Beispiel fängt man mit einem 4-3-3-System an und nach zehn Minuten wird es zu einem 3-4-3 oder einem 3-4-1-2", beschreibt er. "Immer mehr Spieler können auf verschiedenen Positionen spielen, die Außenverteidiger werden zu Flügelspielern, die Flügelspieler spielen mehr in der Mitte und die Defensiv-Mittelfeldspieler agieren zwischen den zwei Innenverteidigern", erklärt er die Entwicklung des Fußballs zu mehr Variabilität.


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Wiedervereinigung: Marco Reus (l.) wurde in Gladbach unter Favre (r.) zum Bundesliga-Star.


"Der größte Unterschied zu früher ist die Bewegung. Um den Gegner zu überraschen und zu besiegen, muss man schnell und zielstrebig nach vorne spielen. Das Spiel wird immer intensiver", so Favre. Seine Spielidee aus Gladbacher Zeiten hat er deshalb weiterentwickelt. Kontrollierter Ballbesitz ja, aber noch zielstrebiger und schneller in Richtung des gegnerischen Tores. Denn: "Nur Ballbesitz des Ballbesitzes wegen interessiert mich nicht", versichert der Schweizer. "Beim Ballbesitz sollte es viel Bewegung geben, um zu versuchen, ein Tor zu erzielen." 


Passspiel stößt an Grenzen: Dribbling für Favre entscheidend


Hier stößt der moderne Fußball häufig an seine Grenzen. Die Defensivreihen werden immer engmaschiger und sind taktisch besser geschult. Allein durch gutes Passspiel wird es meist fast unmöglich, gegen einen gut organisierten Gegner ein Tor zu erzielen. Zwei Punkte sind für Favre deshalb extrem wichtig. Zum einen das frühe Gegenpressing, für das der BVB schon in den Glanzzeiten unter Jürgen Klopp stand.


Entscheidend ist für den Schweizer aber auch die individuelle Klasse im Dribbling. "Man macht ja durch ein starkes Dribbling den Unterschied. Schauen Sie sich einfach einen Arjen Robben oder einen Franck Ribéry an, die das drauf haben, egal ob in Eins-gegen-Eins- oder in Eins-gegen-Zwei-Situationen. Diese Art von Spielern ist unheimlich wichtig, weil das Spiel ansonsten langweilig ist", betont er. "Nur Pässe zu spielen, ist ja nicht spektakulär. Für mich ist es notwendig, Spieler in seinen Reihen zu haben, die dribbeln können, weil sie jederzeit den Unterschied machen können. Den Unterschied nur mit Pässen zu machen, ist fast unmöglich", findet Favre. 

Passspiel, Variabilität, Gegenpressing und Risiko im Eins-gegen-eins - Favre bringt eine Spielidee nach Dortmund, die Fans, Spieler und Verantwortliche gleichermaßen begeistern kann. Mit dem Schweizer hat der BVB gute Chance, die verlorengegangene schwarz-gelbe Identität zurückzugewinnen - sportlicher Erfolg inbegriffen.