Der außergewöhnliche Weg des Kwasi Okyere Wriedt. Kurz vor Sommer-Transferschluss 2017 kam der 23-Jährige aus der dritten Liga nach München. In Bayerns Regionalliga-Reserve avancierte Wriedt zum Top-Torjäger und stand in der Hinrunde regelmäßig im Aufgebot der Profis. Nun wurde der bullige Angreifer erstmals für das Nationalteam Ghanas nominiert. Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg in die "erste oder zweite Liga".


Mit seinen erst 23 Jahren hat Kwasi Okyere Wriedt bislang eine nicht ganz gewöhnliche Karriere hingelegt. ​"Otschi", wie der Bayern-Angreifer seit Kindergartentagen genannt wird, ist ein "Spätstarter", einer, den es in der heutigen Zeit nur noch selten gibt.


In Hamburg geboren, durchlief der bullige Mittelstürmer mit ghanaischen Wurzeln die Jugendteams des FC St. Pauli und landete schließlich im Regionalliga-Reserveteam. Dort kam er zwar auf 22 Einsätze (fünf Tore, drei Vorlagen), musste meist aber auf dem ungeliebten Flügel ran. Es folgte 2015 der Schritt zu Ligakonkurrent LSK Lüneburg - und Wriedt avancierte als Speerspitze im Angriff mit 23 Toren und acht Vorlagen zum Torschützenkönig der Regionalliga Nord.


Erst ab da war klar: Wriedt hat eine Zukunft im Profifußball. Drittligist VfL Osnabrück wurde aufmerksam uns sicherte sich die Dienste des Torjägers. "Besonders nach der Zeit bei St. Pauli habe ich nachgedacht, ob ich jetzt nochmal alles auf die Karte Fußball setzen oder ein zweites Standbein suchen soll. Ich bin froh, dass ich auf die Karte Fußball gesetzt habe, weil das im Nachhinein schon der richtige Schritt war", erklärt der 23-Jährige im Interview mit transfermarkt.de. Während seiner Zeit in Lüneburg arbeitete Wriedt gar als Schulbegleiter neben dem Fußball. "Ich habe auf sozial schwache Kinder aufgepasst, sie im Unterricht und Leben unterstützt. Ich habe versucht, ihnen zu helfen und Tipps zu geben, ihre Jugendzeit gut zu meistern", erzählt Wriedt.

Einen Nebenjob braucht er längst nicht mehr. In Osnabrück überzeugte er erneut in seiner ersten Profi-Saison mit zwölf Saisontoren und starken acht Vorlagen. Dann lockten die Bayern - einem Ruf, dem man nicht widerstehen kann, wie Wriedt zugibt. "Wenn ein Verein wie Bayern München anklopft, muss man sich das immer anhören und da kann man auch schwer Nein sagen", so Wriedt, dem auch Angebote einiger höherklassiger Klubs vorgelegen haben sollen. 


Wriedt kann Bayern-Lockruf nicht wiederstehen


Doch er entschied sich für die Bayern-Reserve, mit der es zwar wieder "nur" in der Regionalliga an den Start ging, wo er aber gute Aussichten auf den Sprung zu den Profis sah. "In den Gesprächen mit den Trainern und dem Nachwuchsleiter Jochen Sauer wurde mir eine Perspektive aufgezeigt: Wenn ich gute Leistungen bringe, kann ich mich auch für die Profis empfehlen, da dort meine Position nicht so ausreichend besetzt ist, dass man keine Chance hat", erklärt Wriedt seinen Schritt zu den Bayern.


Unter Carlo Ancelotti habe er dann auch "zwei-, dreimal bei den Profis trainiert, mehr nicht". Das änderte sich mit der Rückkehr von Jupp Heynckes. Wriedt wurde fester Bestandteil der Trainingsgruppe, stand insgesamt achtmal im Bundesligakader und reiste mit nach Leipzig in der zweiten DFB-Pokalrunde. 22 Minuten gegen Gladbach und 19 gegen RB sprangen dabei heraus. "Die Nominierungen und Einsätze im DFB-Pokal und der Bundesliga, die ich besonders in der Hinrunde hatte, zeigen auch, dass der Schritt richtig war", blickt Wriedt zurück.

Borussia Moenchengladbach v FC Bayern Muenchen - Bundesliga

In Gladbach feierte Wriedt (l., im Duell mit Thorgan Hazard) seine Bundesliga-Premiere



Allein das Training sei für ihn schon etwas "Besonderes" gewesen: "Wenn man mit solchen Weltklassespielern trainieren und zusammenspielen darf, kann man sich sehr viel abschauen. Man entwickelt sich automatisch weiter, weil das Niveau beim Training sehr hoch ist und man jeden Tag gefordert wird. Da kann man sehr viel lernen", schwärmt der 23-Jährige. 


"Irgendwann" 1. oder 2. Liga


In der Rückrunde reichte es dann nicht mehr für den Profi-Kader. Die Bayern reagierten auf den Stürmer-Engpass und verpflichteten Sandro Wagner als Lewandowski-Backup. "Mir war schon klar, dass ein weiterer Stürmer verpflichtet wird, weil das ein so großer Verein ist und der auf jeder Position doppelt sehr stark besetzt sein muss. Deswegen war es für mich kein Problem", so Wriedt. "Ich versuche einfach in der Mannschaft, in der ich spiele, weiterhin Gas zu geben und gute Leistungen zu bringen." Ein Vorhaben, dass er bestens umsetzten konnte. Elf Tore und vier Vorlagen gelangen ihm nach dem Jahreswechsel in der Regionalliga Bayern. In den letzten sechs Partien war Wriedt immer zur Stelle und kommt so am Ende auf starke 21 Saisontore bei nur 29 Einsätzen, sieben weitere Treffer konnte er auflegen.

FC Bayern Muenchen II v TSV 1860 Muenchen - Regionalliga Bayern

Mit 21 Regionalliga-Toren hat Wriedt seine Klasse nachgewiesen - und sich die Nominierung für Ghana verdient



Logisch, dass erneut Klubs aus den Profiligen Interesse am Torjäger zeigen. Für den ist das "Ziel noch nicht erreicht". Wriedt möchte "schon höher spielen in nächster Zeit", auch wenn er bei der Bayern-Reserve noch bis 2020 unter Vertrag steht. Überhastet will er den Klub ohnehin nicht verlassen. Der 23-Jährige hat gelernt, sich in Geduld zu üben und auf den richtigen Moment zu warten. "Wenn es halt ein bisschen länger dauert, ist es auch okay", meint er.


Als Karriere-Beschleuniger dürften Auftritte im Nationaltrikot wirken. Wriedt wurde erstmals für die Auswahl Ghanas nominiert und absolviert mit den Black Stars im Juni zwei Testspiele gegen Japan und Island. Für die Weltmeisterschaft hat sich Ghana nicht qualifiziert. "Am Anfang war ich sprachlos. Es war ein sehr schöner Moment. Ich habe eigentlich nicht damit gerechnet, dass es so schnell klappt. Als ich dann die offizielle Einladung bekommen habe, war ich natürlich sehr glücklich", sagt Wriedt zu seiner Nominierung. 


Auf die Zeit mit der ghanaischen Nationalmannschaft wolle er sich nun "ganz konzentrieren" und sich bis dahin nicht weiter mit der Zukunft beschäftigen. Aber: "Irgendwann möchte ich in der ersten oder zweiten Liga spielen, das ist doch klar." Möglich, dass es für den "Spätstarter" erneut schneller geht, als gedacht.