BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke kündigt einen "deutlichen Umbruch" an. Im neuen Dortmunder Kompetenzteam um Sportdirektor Michael Zorc, Berater Matthias Sammer und Ex-BVB-Kapitän Sebsatian Kehl soll eine gnadenlose Fehleranalyse betrieben werden. Erste Erkenntnisse würden nicht nur einen deutlichen personellen Umbruch erfordern.


Im Februar sprach BVB-Boss Hans-Joachim Watzke noch von Justierungen, die zur kommenden Saison auf Borussia Dortmund zukommen würden. Es folgte eine enttäuschende Rückrunde, in der die Mannschaft deutlich hinter den Erwartungen zurückblieb und das Minimalziel Champions-League-Qualifikation mehr erzitterte denn erspielte. Drei Monate später hört sich das schon drastischer an - der BVB steht vor einem deutlichen Umbruch, wie Watzke in einem ausführlichen Interview mit dem Fanmagazin Schwatzgelb erklärte. "Dass es jetzt ein Umbruch statt einer Justierung wird, ist den Ergebnissen der vergangenen Monate geschuldet", erklärte der 58-Jährige die veränderte Ausgangslage. "Wir müssen ​ein Stück weit einen Neustart wagen, da dürfen wir uns nichts vormachen. Wir müssen sehr viel ändern", bezog sich Watzke auf eine "treffende Formulierung" von Sportdirektor Michael Zorc.

Maßnahmen dazu seien bereits in die Wege geleitet worden, so der BVB-Boss weiter. Mit Matthias Sammer wurde ein externer Berater hinzugezogen, Sebastian Kehl soll künftig  Michael Zorc unterstützen. Das neue schwarz-gelbe Kompetenzteam habe sich längst an die Arbeit gemacht und bereits erste Schlüsse gezogen, wie Watzke berichtete. Die Analyse habe ergeben, dass fünf Punkte zu der jüngsten sportlichen Entwicklung geführt hätten.


Watzkes Fünf-Punkte-Fehleranalyse


Punkt eins: Der BVB hatbe in den vergangenen beiden Jahren mit Mats Hummels, Henrikh Mkhitaryan, Ilkay Gündogan, Ousmane Dembélé und Pierre-Emerick Aubameyang "fünf absolute Klassespieler verloren", die nicht eins zu eins ersetzt werden konnten.

FBL-GER-CUP-BAYERN-MUNICH-DORTMUND

Der Abgang von Mats Hummels tat besonders weh. Watzke:" Er ist unersetzlich, eine herausragende Persönlichkeit."


Nummer zwei sei die Trainerentscheidung im Sommer gewesen. Es sei offensichtlich, dass man mit Peter Bosz "nicht richtig gelegen" habe, so Watzke. "Peter Bosz ist ein sehr guter Trainer und ein außergewöhnlich guter Mensch, aber manchmal passt es eben nicht", konstatierte der BVB-Boss. 


Der dritte Punkt in der Fehleranalyse sei die Mannschaftszusammenstellung gewesen. "Wir haben unter dem Einfluss der vorherigen Trainer das Augenmerk zu stark auf das spielerische Element der Mannschaft gelegt und zu wenig auf die anderen Dinge. Im Zweifel haben wir immer versucht, den technisch besten Spieler zu holen, aber nicht den mit der besten Mentalität oder Führungsstärke", meinte der 58-Jährige. Daraus ergibt sich Fehlerpunkt Nummer vier: "Einige Spieler, die wir verpflichtet haben, haben nicht unsere Erwartungen erfüllt."


Schließlich habe man auch "massiv unter den Folgen des Anschlags gelitten. Für den Umgang und die Folgen gab es keine Blauspause", befand Watzke. Das alles habe am Ende zu der aktuellen Situation geführt, bei der man dennoch weiter "eine starke Basis habe". Nun soll "eine schonungslose Fehleranalyse" betrieben werden, "um wieder in die Spur zu kommen".


Watzke erklärt den Umbruch-Plan


Um den geplanten Umbruch zu gestalten habe man sich bewusst für Sammer und Kehl entschieden. Das Duo mit BVB-Vergangenheit soll Watzke und Zorc mit ihrer Fußballkompetenz zu Seite stehen. In der Zusammenarbeit seien die Strukturen dabei deutlich abgesteckt. Sammer bereichere das Team mit seinem Blick "von außen", Kehl soll als Bindeglied zur Mannschaft fungieren. Zorc bleibe der Entscheidungsträger bei etwaigen Transfers und habe weiter das letzte Wort. 

FUSSBALL: 1. BUNDESLIGA 01/02, BORUSSIA DORTMUND/PRESSEKONFERENZ

Matthias Sammer (l.) war Sebastian Kehls (r.) Trainer in der Dortmunder Meistersaison 2001/02.


Das sei die erste Schlussfolgerung aus der enttäuschenden Saison gewesen. "Wir müssen die Basis wieder stärken und so ein bisschen 'back to the roots' kommen", sagte Watzke, der sich in Zukunft aus den sportlichen Belangen etwas zurückziehen möchte. In der neuen Konstellation sollen die weiteren Schlussfolgerungen umgesetzt werden. Zum einen sei das eine stärkere Identifikation mit dem Klub. "Spieler müssen bereit sein, sich mit der Geschichte von Borussia Dortmund auseinanderzusetzen. Wer aber nicht erkennen will, dass unser Verein etwas Besonderes ist, den dürfen wir im Idealfall nicht holen", erklärte Watzke.


Daraus ergibt sich der wichtigste Teil des Umbruchs: ​Die PersonalpolitikNamen wollte der BVB-Boss nicht nennen. ​Man müsse "im Bereich Mentalität, Führungsstärke und positiver Aggressivität zulegen. Idealerweise finden wir Spieler, die führen können und obendrein spielerische Qualität haben." Ganz von der bisherigen Linie wolle man dabei aber nicht abkehren: "Wir werden weiter den Weg mit hochbegabten Spielern gehen, aber wir benötigen definitiv zwei oder drei Führungsspieler, da haben wir Nachholbedarf."

Borussia Dortmund v 1. FSV Mainz 05 - Bundesliga

Streichkandidat? Watzke nimmt Marcel Schmelzer in Schutz: "Es gibt kaum einen Spieler, der so eine hohe Identifikation mit dem Verein aufweist, wie er."


Das bedeutet auf der anderen Seite, dass einige Akteure aus dem aktuellen Kader keine Zukunft beim BVB haben. "Es wird sicher mehr als zwei bis drei Positionen betreffen, das ist klar. Wir können uns jetzt aber nicht limitieren und auf eine konkrete Zahl festlegen. Wir haben relativ klare Vorstellungen davon, was wir wollen", bestätigte Watzke. "Jeder Spieler bekommt von uns eine ehrliche Einschätzung und eine klare Aussage, wie die Chancen stehen, wer ins Konzept passt und wer es schwer haben wird, Teil des Kaders zu sein. Natürlich auch in Rücksprache mit dem neuen Trainer", führte er aus. Dabei betonte er aber auch, dass man gültige Verträge akzeptiere: "Es wird hier niemand weggemobbt. Es wird keine Trainingsgruppe II geben."


Der letzte Punkt, der im Zuge der Veränderungen vorangetrieben werden soll, sei die Infrastrukur. "Wir werden massiv in das Trainingsgelände investieren", versprach Watzke. "Zwischen 15 und 20 Millionen Euro" sollen in das Trainingszentrum in Brackel fließen.