Sandro Wagner hat mit seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft auf seine Nicht-Nominierung in den vorläufigen WM-Kader reagiert. Seine offene Art passe nicht mit dem Trainerteam zusammen, begründet der 30-Jährige seine Entscheidung. Die ist mit Blick auf die herbe Enttäuschung zwar nachzuvollziehen - Wagner schadet sich damit aber vor allem selbst und bedient mal wieder sein altbekanntes Image.


Der WM-Traum von Sandro Wagner ist geplatzt! Der Bayern-Stürmer wurde etwas überraschend von Bundestrainer Joachim Löw nicht für den vorläufigen Russland-Kader nominiert. Stattdessen steht Freiburg-Torjäger Nils Petersen erstmals im Aufgebot des Weltmeisters.


Die Enttäuschung beim 30-Jährigen zeigte nicht nur seine Reaktion beim anschließenden Bayern-Training. Nach einer Ansprache von Jupp Heynckes, bei der die Trainer-Ikone Wagners Nicht-Nominierung bedauerte, soll der Angreifer Tränen in den Augen gehabt haben. Wie groß der Stachel beim selbst ernannten "besten deutschen Stürmer" sitzt, machte Wagner auch öffentlich Ausdruck: "​Ich trete hiermit sofort aus der Nationalmannschaft zurück. Für mich ist klar, dass ich mit meiner Art, immer offen, ehrlich und direkt Dinge anzusprechen, anscheinend nicht mit dem Trainerteam zusammenpasse. Meinen Jungs wünsche ich nur das Beste in Russland und hoffe, dass sie als Weltmeister zurückkommen“, teilte er am Mittwochabend mit.

Bayern reagieren mit Unverständnis auf Wagners WM-Aus


Über die Gründe für Wagners Ausbootung lässt sich mit Sicherheit streiten. Im Bayern-Lager stoßen sie nicht nur bei Heynckes auf Unverständnis. "Ich hätte es ihm gewünscht. Ich finde, er ist ein Mentalitätsmonster, wie ich nur wenige hier beim FC Bayern kennengelernt habe", meinte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge im Radiointerview mit dem Bayerischen Rundfunk. "Egal wann er gespielt hat, wann immer er eingewechselt wurde, war er eine Bereicherung", führte Rummenigge weiter aus.


Für Löw war das aber offenbar nicht genug, auch wenn er betonte, dass die ​Entscheidung nicht "gegen Wagner" ausgefallen war, sondern "für die Spieler, die jetzt dabei sind". Die reinen Zahlen hätten jedenfalls eher für Wagners WM-Teilnahme gesprochen. Bei den Bayern zeigte er als Lewandowski-Backup, dass er sich klaglos ins zweite Glied einfügen kann und überzeugte mit neun Toren bei 17 Einsätzen in der Rückrunde. Und auch bei der DFB-Elf zeigte Wagner gute Leistungen. In der WM-Qualifikation war er mit fünf Treffern sogar der beste deutsche Torschütze.

Drei Tore gelangen ihm dabei allerdings gegen Fußballzwerg San Marino. Welche Rolle Wagner bei der WM gespielt hätte, bleibt offen. Hinter dem gesetzten Timo Werner und dem (Turnier-) erfahrenen Mario Gomez eine wohl eher marginale. Aus Sicht des Bundestrainers schien Wagner damit verzichtbar zu sein - Löw testet in der Vorbereitung lieber Nils Petersen, dessen Chancen auf ein Russland-Ticket aber ebenfalls gering sein dürften.


Wagner verbaut sich künftige Chancen - Boateng stichelt


Mit seinem öffentlich verkündeten Rücktritt aus der Nationalmannschaft hat sich Wagner keinen Gefallen getan. Seine Reaktion aus der großen Enttäuschung heraus kann man zwar ein Stück weit nachvollziehen und ist wohl auch in der Vertragsverlängerung des Bundestrainers bis 2020 begründet. Dennoch: Wagner bedient damit sein Image als "Lautsprecher", mit dem er schon häufig polarisiert hat. "Die Fehler habe ich aber auch mal gemacht, dass es nach hinten losgeht, wenn man zu viel redet", ​kommentierte Eintracht-Star Kevin-Prince Boateng das Wagner-Aus süffisant und stichelt damit gegen seinen kommenden Gegner im Pokalfinale.

Chile v Germany: Final - FIFA Confederations Cup Russia 2017

Ein Bild, das es wohl nicht mehr geben wird: Sandro Wagner (3. v. r.) umarmt den Bundestrainer nach dem Confed-Cup-Gewinn im Sommer 2017.



Acht Länderspieleinsätze hat der 30-Jährige auf dem Buckel - sein Rücktritt wirkt nun so, als ob er ein verdienter Nationalspieler mit unzähligen Einsätzen gewesen sei. Das ist er aber eben nicht. Die wenigen DFB-Einsätze hat er sich zwar fraglos verdient, sind aber vor allem Folge des deutschen Engpasses auf der Mittelstürmer-Position. Dieser wird sich auch in den kommenden Jahren wohl nicht gravierend ändern. Mit seinem voreiligen Schlussstrich unter die DFB-Karriere hat sich Wagner nun weitere Chancen verbaut. Sollte er in den kommenden Jahren bei den Bayern weiter überzeugen, wäre er mit Sicherheit für die anstehenden Turniere nach der WM in Russland wieder ein Kandidat gewesen. So bleibt das Bild eines "bockigen Kindes", das Wagner mit seinen Aussagen selbst zeichnet. Aus Empathie über den geplatzten WM-Traum kommt so bei vielen wieder das alteingebrannte Bild der Selbstüberschätzung hoch.