​Im Finale der Europa League treffen im französischen Lyon Atlético Madrid und Olympique Marseille aufeinander. Wir sprachen vor dem Duell mit Andre Kahle, dem Vorsitzenden des einzigen deutschen Atlético-Fanklubs "Centuria Germana". Wie es zur Liebe zu den Rojiblancos kam, wie er die Rivalität mit Real Madrid sieht und wer sein Favorit heute Abend im Finale ist, lest ihr hier! 


90min: Wie sind Sie Fan von Atlético Madrid geworden?


Andre Kahle: Über eine Forums-Community, wo es um die neue Spanien-Liga ging, wurde mir Atlético zugeteilt. Es hieß: ‚Du bekommst Atlético. Super Mannschaft, große Tradition. Die sind auch gerade wieder aufgestiegen und haben große Spieler wie Albertini, Torres.‘ Ich konnte kein Wort Spanisch. Daher war es schwierig, über diesen Verein Informationen zu bekommen. Es gab aber ein englischsprachiges Forum, wo sich alle internationalen Atlético-Fans versammelt haben. Innerhalb des Forums haben wird dann beschlossen, 2003 zur 100-jährigen Geburtstagsfeier des Vereins, dem 'Centenario', zu fliegen. Das war im wahrsten Sinne des Wortes ein „Erweckungserlebnis“, bei tollem Wetter, Tapas und netten Menschen. Seitdem bin ich Atlético-Fan.


90min: Ihre Liebe zu Atlético wurde so groß, dass Sie 2003 den Fanklub Centuria Germana e. V. gegründet haben.


Kahle: Exakt an dem Tag des 100-jährigen Geburtstags. Wir sind quasi 100 Jahre jünger als der Verein.


90min: Ist der Name des Fanklubs von diesem Ereignis inspiriert worden?


Atletico Madrid v Arsenal FC  - UEFA Europa League Semi Final Second Leg

Kahle: Genau. Wir haben versucht, das Deutsche mit der 100 Jahre alten Klubhistorie in einem spanischen Namen zu verbinden und sind dann auf „Centuria Germana“ gekommen, also die „deutsche Hundertschaft“. Das klingt in den deutschen Ohren ein bisschen martialisch, wird im Spanischen aber gar nicht so wahrgenommen. Wir sind also auf keinen Fall eine Art Ultra-Gruppierung, sondern ganz normale „Fußball-Schauer auf der Haupttribüne“. Da täuscht der Name vielleicht etwas, er hat sich aber bewährt. Wir sind in Madrid relativ bekannt und so etwas wie der „bunte Hund“. Wir sind einer der größten europäischen Fanklubs. Aus einer Handvoll Verrückter hat sich ein ganzer Haufen Verrückter entwickelt.


90min: Wie sieht das Fanklub-Leben heute aus? Wie hat sich die Gemeinschaft seit der Gründung entwickelt?


Kahle: Zu Beginn waren wir fünf Leute. Durch die neuen Möglichkeiten des Internets und den Erfolg der Mannschaft ab 2010 und natürlich auch durch die FIFA-Brücke (Konsolen- und PC-Spiel), die auf junge Leute einen großen Einfluss hat, sind immer mehr auf Atlético gestoßen, und damit zwangsläufig auch auf unseren Fanklub. Wir fungieren dabei als Türöffner, sind derzeit 132 Mitglieder und haben 75 Mitglieder beim Klub. Wir haben zwei Dauerkarten und machen jedes europäische Spiel mit - es hat sich wirklich extrem entwickelt.


90min: Wie intensiv verfolgen Sie die Partien der Rojiblancos?


Kahle: Wir haben Dauerkarten in Madrid und der Verein stellt uns Tageskarten aus. Diese vermitteln verteilen wir nach Bedarf. Das funktioniert sehr gut, die Dauerkarten sind nahezu zu jedem Spiel vergeben. Die Plätze sind auch richtig gut, nicht irgendwo unter dem Dach. So wird das zu einem besonderen Erlebnis.


90min: Waren Sie auch schon im neuen Stadion Wanda Metropolitano?


Kahle: Ja, im April gegen Levante. Da haben wir auch unsere erste Mitgliederversammlung in Spanien abgehalten. Da gab es für über 30 Leute ein Rahmenprogramm mit Stadionführung und Besuche anderer Atlético-Anhänger. Ein absolutes Highlight. Der Verein ist auch sehr bemüht um uns, hilfreich und wohlwollend. Es wurde sogar Luis Pereira, eine Atlético-Legende, vorbei geschickt, der mit uns gefeiert und getrunken hat. Das war natürlich einmalig.

Atletico Madrid v Arsenal FC  - UEFA Europa League Semi Final Second Leg

Seit dieser Saison die neue Spielstätte von Atlético: Das Wanda Metropolitano



90min: Gibt es ein Spiel oder einen Moment, woran Sie sich besonders gern oder auch ungern erinnern?


Kahle: Da gibt es viele. Der erste prägende Eindruck war die 100-Jahr-Feier. Mit 120.000 Atlético-Fans auf den Straßen und der damals größten Fahne der Welt. Das waren Momente, die vergisst man nicht. Sportlich unvergessen bleibt der Copa-del-Rey-Titel im Bernabeu, als Atlético im Stadion des Erzrivalen den ersten Titel nach 17 Jahren geholt hat, zudem 14 Jahre und 25 Derby-Partien ohne Sieg der Rojiblancos gegen Real Madrid. Dieser Moment im Bernabeu war sportlich einer der Höhepunkte, auch wenn wir danach noch andere Titel gewonnen haben.


Die größten sportlichen Enttäuschungen sind sicherlich die verlorenen Champions-League-Finals. Atlético-Fans sind es aber gewohnt, nicht die großen Titel zu holen. Als Juanfran den Elfmeter an den Pfosten gesetzt und Real schon wieder die Champions League gewonnen hat, war das Trikot von Junafran das meistverkaufte in den Wochen darauf. Die Fans lieben ihre tragische Helden.


90min: Wie sehen Sie die Entwicklung des Vereins in diesem Jahrtausend?


Kahle: Man braucht sich nur das aktuelle UEFA-Ranking anschauen, wo wir auf Platz zwei stehen. Da muss man sagen, bei allem Respekt vor Real Madrid, Barça und Co.: Es ist das eine, mit einem solchen Kader und finanziellen Mitteln wie Real zweimal in Folge die Champions League zu gewinnen. Es ist das andere, mit der Mannschaft von Atlético Madrid, dem Umfeld und auch den finanziellen Bedingungen vier Jahre in Folge mindestens das Halbfinale in der Champions League zu erreichen und jetzt im fünften Jahr in Folge wieder in einem Europapokal-Wettbewerb so weit gekommen zu sein. Das ist ein Fußball-Wunder, wenn man vergleicht, wo Atlético 2002 nach dem Aufstieg stand. Jetzt hat der Verein ein nagelneues Stadion und ist sportlich erfolgreich. Aktuell ist Atlético sportlich in der besten Phase der Geschichte des Vereins. Der Klub durchläuft eine unglaubliche Professionalisierung, hat mittlerweile 130.000 Mitglieder und ist eine Weltmarke geworden.


90min: Am Mittwoch hat Atlético die Chance, zum dritten Mal nach 2010 und 2012 die Europa League zu gewinnen. Wie werden Sie das Spiel verfolgen? Sind Sie und andere Fanklub-Mitglieder im Stadion?


Kahle: Wir sind mit 25 Leuten vor Ort, trotz der Probleme, die die UEFA bei der Kartenvergabe macht. Die meisten Tickets werden nur direkt an die Vereine ausgegeben. Das Problem hierbei ist, dass nur wenige Karten an die Vereine ausgegeben werden und zu viele an Sponsoren, etc. Aber nur über die Vereine können wir Fans Karten beziehen. Ich persönlich werde zum ersten Mal, seit ich Atlético verfolge, nicht live in einem Finale im Stadion sein. Das hat hauptsächlich, mit der Geschichte zwischen beiden Klubs und dem Finalort Lyon zu tun.

TOPSHOT-FBL-EUR-C3-OM

Die Vereine Marseille und Lyon sind rivalisiert, was zu Äußerungen wie „Wir reißen die Stadt ab“ führte. Das ist ein Problemfeld. Dann wurde beim letzten Aufeinandertreffen zwischen Atlético und Marseille 2012 ein Ultra-Führer von Marseille verhaftet. Das hatte eigentlich mit Atlético nichts zu tun, im Rückspiel wurden Madrid-Fans von Olympique-Anhängern aber mit Todesdrohungen überzogen. Das führte so weit, dass der spanische Innenminister ein Ausreiseverbot für Spanier nach Marseille ausgesprochen hat.

Da fällt es schwer sich auf den sportlichen Höhepunkt, auf die Emotionen des Finales einzulassen, wenn man nicht weiß, ob man alle in der Gruppe heil ins Stadion bekommt. Es ist nicht zu ändern, die Konstellation ist jetzt so. Aber es ist schon bedenklich, dass der Fußball in vielen Facetten keine Grenzen mehr kennt. Ich brauche keine Polizeipferde auf dem Platz, wie jetzt in der Bundesliga beim HSV. Die UEFA hat für das Finale bekanntgegeben, dass man die Fanzone aus Sicherheitsgründen schließt. Dieses positive Gefühl bekomme ich so nicht vermittelt. Dann ist es wirklich nur Fußball, nur die 90 Minuten - und dann lohnt sich das Ganze für mich auch nicht.


90min: Trainer-Ikone Diego Simeone wird die Partie aufgrund einer Sperre aus dem Halbfinal-Hinspiel gegen Arsenal nur von der Tribüne aus verfolgen können. Glauben Sie, dass das ein großer Nachteil sein wird?


Kahle: Wenn man sich die Bilder vom Halbfinal-Rückspiel gegen Arsenal anschaut, was Simeone auf der Tribüne da abgerissen hat, ist es für ihn die Höchststrafe. Ich glaube aber, das wird kein großer Nachteil werden für den sportlichen Ausgang dieses Spiels. Es ist jedoch schon so, dass sich ein Verband wie die UEFA hinterfragen muss, um was es hier eigentlich geht. Es geht um Sport, es geht um Leidenschaft, die zum Beispiel auch mit Bildern von Simeone bei der Auslosung beworben wird. Jeder hat sich an Regeln zu halten, das ist nicht der Punkt. Aber es geht um die Frage, wieso der Trainer von Atlético Madrid dieses Spiel nicht von der Bank aus verfolgen kann. Aber ich hoffe, dass der Schiedsrichter das Finale nicht beeinflusst. Wir selber kennen das aus den beiden Champions-League-Finals. Es ist einfach so, dass sich der Fußball zu so einem schnellen Sport entwickelt hat und die Schiedsrichter in dieser Entwicklung einfach nicht hinterherkommen.


90min: Kommen wir zum Gegner: Marseille hat in der K.o.-Phase neben den beiden RB-Klubs im Achtelfinale mit Athletic Bilbao einen spanischen Vertreter rausgeworfen. Wie schätzen Sie Olympique ein?


Kahle: Die Favoritenstellung ist klar: Atlético ist das deutlich stärkere, gefestigtere Team, ist spielerisch und taktisch überlegen. Was die großen Spiele angeht, hat Atlético deutlich mehr Erfahrung. Allerdings gab es bei dem dünnen Kader ein paar Verletzungssorgen, das hat man aber jetzt einigermaßen in den Griff bekommen. Wenn alle einigermaßen fit sind, dürfte Atlético als Favorit in dieses Finale gehen.


Marseille hat durch viele enge Spiele den Weg ins Finale beschritten. Ich glaube aber schon, dass die spielerische Klasse auf Seiten von Atlético ist. Nur, darum geht es nicht in einem Finale. Es geht um so viele Kleinigkeiten, ein einziger Fehler kann die Partie drehen. Deshalb sind die Chancen auch 50:50. Marseille hat die einmalige Chance, als französische Mannschaft einen europäischen Titel zu holen. Das hat es lange nicht gegeben. 

FBL-FRA-LIGUE1-ANGERS-MARSEILLE

Einer der Schlüsselspieler bei OM: Dimitri Payet 



90min: Schaut man auf den Olympique-Kader, stechen vor allem die starken Flügelspieler um Kapitän Dimitri Payet und Florian Thauvin heraus. Wie gefährlich kann Marseille Atlético werden?


Kahle: In Frankreich ist es aus meiner Sicht ähnlich wie in Deutschland, wo außer Bayern und vielleicht dem BVB an einem guten Tag keiner mit den großen spanischen Teams taktisch konkurrieren kann. Aber für mich wird ein Finale durch die Mentalität gewonnen. Und Atlético ist ein Mentalitäts-Monster, weshalb ich große Chancen sehe, die Europa League zu gewinnen. Aber Olympique Marseille kommt auch stark über die Mentalität. Ich glaube, es könnte ein ganz enges Spiel werden, in dem der Schiedsrichter wieder eine entscheidende Rolle einnimmt. Ich bin gespannt, wie es Björn Kuipers leitet. Wir haben keine guten Erfahrungen mit dem Mann gemacht.


90min: Was würde der Titel für den Klub und auch für Sie bedeuten? Besteht die Gefahr, dass er angesichts des möglichen Titel-Hattricks von Erzrivale Real in der Champions League untergehen könnte?


Kahle: Das wäre meine größte Angst, wenn wir schon wieder gegen Real Madrid im europäischen Superpokal spielen müssten. Man sieht sich zweimal in der Liga, vielleicht noch im Pokal und auch in der Champions League. Da reicht es irgendwann. Dementsprechend hätte ich nichts gegen einen Sieg von Liverpool, zumal Liverpool und Atlético auch viel verbindet.

Schlussendlich spielt Atlético aber für Atlético und Real für Real. Es wird zwar ein wenig gestichelt, aber die Rivalität zwischen den Klubs ist so, dass jeder sein Ding macht. Die Rollen sind klar verteilt und es gibt daher auch keinen „kleiner Bruder - großer Bruder Komplex“. Wir schauen auf uns und das ist gut so.


90min: Zum Schluss das Wichtigste: Ihr Tipp, wie endet die Partie in Lyon?


Kahle: Für den Verein wäre der Titel wichtig. Dann wäre allen klar: Wir können ein Finale gewinnen. Dann könnten auch Akteure wie Jan Oblak oder Antoine Griezmann ins Grübeln kommen, ob man nicht noch ein Jahr bei Atlético bleibt. Mit einem Champions-League-Finale im Wanda Metropolitano nächstes Jahr hätten die Spieler die Chance, Legenden auf Lebenszeit zu werden. Bei einer Niederlage werden sich wohl einige Spieler eine neue Herausforderung suchen. Deswegen ist das Finale auch für die Zukunft der Mannschaft wichtig. Bei einem Sieg dürfte noch mal Geld in die Hand genommen werden für das große Ziel. Es wird die letzte Generation sein von Spieler wie Gabi, möglicherweise Godin, Juanfran. Dann würde man einen Umbruch noch einmal verschieben und stattdessen voll angreifen.

Ich hoffe auf ein 3:1. Es wird ein schönes Spiel für die Atlético-Fans werden und vom Verlauf ähnlich wie im Finale von Bukarest 2012 gegen Athletic Bilbao. Ich hoffe auf ein frühes Tor und dann auf einen Geniestreich von Diego Costa oder Antoine Griezmann.