„Erfahrung heißt gar nichts. Man kann seine Sache auch mit 35 Jahren schlecht machen.“ Dieses berühmte Zitat von Kurt Tucholsky, einer der bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik, fiel mir ad hoc ein, als ich über den anstehenden Wechsel Stephan Lichtsteiners zu Borussia Dortmund erfuhr. Denn ich fragte mich augenblicklich, „macht der Transfer für die Schwarz-Gelben überhaupt Sinn?“


Der 94-fache Schweizer Nationalspieler gilt bei den Tifosi der „Alten Dame“ zu den wenig verbliebenen Legenden des Kaders und strahlte sieben Jahre lang absoluten Siegeswillen und eine unerschöpfliche Kämpfernatur für die „Bianconeri“ aus. Aufgrund seiner unbändigen Laufstärke würde ihn manch Inselbewohner gar als sogenanntes „Powerhorse“ deklarieren.


Doch was hat der gallige Rechtsverteidiger außer Mentalität, Ausdauer und Erfahrung für den BVB zu bieten? Dass der italienische Rekordmeister nicht weiter auf den 34-Jährigen setzt, muss hinterfragt werden, denn Marotta und Co. sind nicht dafür bekannt, Legenden undankbar abzusägen, siehe Gigi Buffon.


Stammspieler aufgrund fehlender Alternativen


Zwar lief der zweikampfstarke Defensivspezialist 26 Mal in der Startelf für die Mannen von Coach Massimiliano Allegri auf, jedoch siedelten sich die Leistungen des Rechtsfußes eher im durchschnittlichen Bereich an. Dass er trotzdem so oft das Vertrauen des 50-jährigen Fußballlehrers gewann, lag ebenso daran, dass sein von Milan verpflichteter, jüngerer Konkurrent Mattia De Sciglio die Erwartungen bei weitem nicht erfüllen konnte.


Die Rechtsverteidiger-Position im Kader der Dortmunder Borussia stellt zweifellos eine vakante Stelle dar, denn mit dem in die Jahre gekommenen Lukasz Piszczek (32) und dem dauerverletzten ewigen Talent Erik Durm (25) sind die Westfalen bei weitem nicht optimal aufgestellt. Mit letzterem sollen die Verantwortlichen des aktuellen Tabellendritten sportlich nicht mehr planen.


„Wir benötigen im Sommer eine Kader-Justierung, je nach Verlauf der Rückrunde auch eine deutlichere.“ Angesichts dieses Zitates von Clubchef Hans-Joachim Watzke Anfang Februar gegenüber der Ruhrnachrichten, kann man getrost davon ausgehen, dass man diesen Sommer eine deutliche Lösung sehen wird.

Lichtsteiner als Mentalitäts-Push-up?


Denn das Kernproblem sind weniger Talente die nicht den nächsten Schritt machen, sondern die erfahrene Riege um einen Mario Götze, André Schürrle oder gar einen Nuri Sahin, die nur noch die Schatten ihrer selbst aus vergangenen Tagen verkörpern. In Ansätzen eben auch ein Mentalitätsproblem der überspitzt gesagt „alten Herren“ des nominell hochwertigen Kaders.


Genau in diese Kerbe möchten die Bosse des Traditionsvereins wohl mit dem Lichtsteiner-Transfer schlagen, doch die Borussen laufen Gefahr einen weiteren Akteur zu verpflichten, der über seinen Zenit hinaus scheint und die Borussia leistungstechnisch nicht unbedingt besser machen würde.


Mit zwei „Auslaufmodellen“ in die neue Saison?


Wenngleich Lichtsteiner in das Anforderungsprofil von Lucien Favres Spielsystem passt, so hätte es gewiss optimalere Lösungen gegeben, als die Rechtsverteidiger-Position mit zwei alternden Ü30-Profis zu besetzen, die sich beide zweifellos nicht mehr auf dem höchsten Leistungsvermögen ihrer Karriere befinden.


Gleichermaßen ist der Transfer des 1,85 Meter Mannes ein Indiz dafür, dass man beabsichtigt, das Geld bevorzugt in andere Bereiche des Teams zu investieren und demzufolge vorerst nur eine „Low-Budget-Lösung“ anstrebt, um einfach nur Zeit und finanzielle Mittel zu gewinnen. 


Legitim, jedoch nicht ungefährlich. Der einmalige Champions-League-Sieger von 1997 läuft Gefahr, dass das Zitat Tucholskys in den Reihen der Dortmunder zur Realität wird und die Defizite dieser Saison auch in der kommenden Spielzeit kein Ende nehmen.