​Zugegeben: Es gab dankbarere Aufgaben, als das Erbe von Trainerlegende Jürgen Klopp bei Borussia Dortmund anzutreten. Doch Thomas Tuchel hatte es tatsächlich geschafft, die Mannschaft fußballerisch und taktisch nochmal ein auf neues Level zu heben.


Sieht man die Mannschaft heute, nach dem 33. Spieltag der Saison 2017/18, so scheint beim aktuellen DFB-Pokalsieger nicht mehr viel von der spielerischen Klasse der letzten Saison vorhanden zu sein. Das 0:6 gegen die Münchener war nur einer der vielen Tiefpunkte in der laufenden Saison. Kaum zu glauben, dass diese Mannschaft vor gerade einmal einem Jahr den großen FC Bayern München im Halbfinale mit 3:2 aus dem Pokal schoss.


Bereits Wochen vor dem Pokalfinale 2017 brodelte es gewaltig und man spekulierte täglich, wann man Thomas Tuchel wohl entlassen wird. Von einem zerrütteten Verhältnis zwischen Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Thomas Tuchel war die Rede. Auch innerhalb der Mannschaft soll es Probleme mit dem akribischen Übungsleiter gegeben haben. Die sportliche Leitung wartete mit der Entlassung bis nach dem Pokalfinale.

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Starker Start mit Peter Bosz


Mit Peter Bosz verpflichtete man den Trainer der Überraschungsmannschaft Ajax Amsterdam, die in der Vorsaison das Europa-League-Finale erreichte. Unter Bosz blieb die Borussia in den ersten fünf Spielen ohne Gegentor. Doch es folgte die schnelle Ernüchterung. Zu starr wollte Bosz an seinem 4-3-3-System festhalten. Die ersten Niederlagen folgten. In den Hin- und Rückspielen gegen Tottenham Hotspur und Real Madrid sowie gegen RB Leipzig und Bayern München holte der BVB keinen einzigen Punkt und spielte sich in die Krise. Die große Verunsicherung zeigte sich vor allem beim 4:4 im Revierderby gegen Schalke 04. Bis zum 4:0 spielte sich die Borussia in einen regelrechten Rausch, doch nach dem 1:4-Anschlusstreffer brach die große Verunsicherung aus und das gesamte Spiel in sich zusammen.

Die Konsequenz: Peter Bosz musste seinen Hut nehmen, obwohl er aus dem Kreise der Mannschaft immer wieder öffentlichen Zuspruch bekam.


Neustart mit Stöger


"Peter Stöger? Wirklich?", werden sich viele Fans gefragt haben, als dieser als der neue Heilsbringer vorgestellt wurde. Gerade einmal eine Woche war es her, da wurde Stöger wegen Erfolglosigkeit beim 1. FC Köln entlassen. Doch mit zehn Bundesligaspielen in Folge ohne Niederlage stellte Stöger einen neuen Vereinsrekord auf. Mit fünf Siegen und fünf Unentschieden gab er der Mannschaft wieder Stabilität und Sicherheit. Allerdings spielte man auch mit Glück 2:2 zu Hause gegen den SC Freiburg und 1:1 gegen den FC Augsburg. Auch in der Europa League kam man nur mit viel Dusel gegen Atalanta Bergamo eine Runde weiter, gegen Stögers Landsleute vom FC Salzburg war dann eine Runde später schließlich Schluss. Ohne Chance waren die Dortmunder, zu ideenlos und ohne Spielwitz traten sie auf. Mit ein Grund dafür, dass Peter Stöger am Ende der Saison wohl auch wieder seinen Hut nehmen wird.

Doch die Verkettung von Fehlern betrifft nicht nur die Wahl des richtigen Trainers.


Über Jahre Fehler in der Kaderplanung


Mit dem Weggang von Mario Götze zum FC Bayern im Sommer 2013 fingen die Fehler an. Die Suche nach einem Nachfolger war schwer. Man entschied sich letzten Endes für Henrikh Mkhitaryan. Der Armenier, zweifelsohne ein richtig guter Fußballer, erstreikte sich bei Shachtar Donezk seinen Wechsel zur Borussia. Er benötigte zwei Jahre, um in Dortmund so richtig anzukommen und entschied sich, nach der ersten guten Saison den Verein in Richtung Manchester United zu verlassen. Die weiteren Kandidaten, die als Götze-Nachfolger gehandelt wurden, sind heute allesamt Weltstars und die tragenden Säulen ihrer Mannschaften: Kevin De Bruyne, Christian Eriksen, James Rodriguez und Isco.


Mit Ousmane Dembele wurde der nächste Spieler nach Dortmund transferiert, der bei seinem Verein in den Streik trat, um zum BVB wechseln zu können. Was ein Jahr später passierte, wissen wir alle. Auf einen ordentlichen Charakter achtete man offensichtlich nicht bei Spielertransfers.


Neben Götze, Mkhitaryan und Dembele ließ man zudem Mats Hummels, Ilkay Gündogan und im letzten Winter Pierre-Emerick Aubameyang gehen. In den Jahren zuvor gab man mit Shinji Kagawa und Nuri Sahin ebenfalls seine besten Spieler ab. Obwohl die sportlichen Macher Michael Zorc und Hans-Joachim Watzke immer wieder betonten, man sei kein Verkäuferverein, schien für viele junge Profis doch der Eindruck zu entstehen, die Borussia sei ein gutes Sprungbrett zu den ganz großen Vereinen.

Barcelona v Leganes - La Liga

Ousmane Dembele tut sich nun beim FC Barcelona schwer



Darüber hinaus entschloss man sich immer wieder, Spieler, die den Verein verlassen hatten und nicht mehr an ihre vergangenen Leistungen anknüpfen konnten, wieder zurück nach Dortmund zu holen. So kamen über die Jahre Kagawa, Sahin und auch Götze wieder zurück in ihre Wohlfühloase.


Wohlfühloase Dortmund


In eben dieser Wohlfühloase liegt der nächste Fehler bei der Borussia. Es macht den Eindruck, als wurden die Spieler über Jahre hinweg nicht in ihre Schranken gewiesen. Die Jahre unter Jürgen Klopp waren mit Abstand die erfolgreichsten seit Mitte der 1990er Jahre, doch der sympathische Coach ließ seinen Spielern auch allerlei Freiheiten. Freiheiten, die die Spieler nach seinem Weggang schmerzlich vermissten. Sein Nachfolger Thomas Tuchel stellte als allererstes den Ernährungsplan der Mannschaft um, achtete penibel auf die Fitness seiner Spieler. Der Erfolg gab ihm Recht. Mit 2,12 Punkten pro Spiel ist Tuchel bis dato der punktbeste Trainer der Vereinshistorie.


Hatten die Spieler jedoch ein Problem mit dem Coach, wandten sie sich nicht an ihn persönlich, um darüber zu reden, sondern an Klopps gute Freunde Zorc und Watzke, die den Spielern offensichtlich den Rücken stärkten. Die Geschehnisse nach dem Anschlag auf den BVB-Bus zeigten in aller Deutlichkeit, dass die sportliche Leitung und der Trainer nicht auf einer Wellenlänge waren und beide Seiten austesteten, wer die größere Macht im Verein hat.


Unter Bosz und Stöger wurden die Zügel dann wieder gelockert, was jedoch dazu führte, dass sich Disziplinlosigkeiten einschlichen. Raphael Guerreiro schickte Mitarbeiter des BVB zum Einkaufen, Aubameyang erschien regelmäßig zu spät zum Training und kümmerte sich mehr um seine Social-Media-Aktivitäten und seine Werbepartner als um seinen Job. Unter Tuchel war er dafür zweimal für je ein Spiel suspendiert worden.


Ganz gleich, welcher Trainer zur neuen Saison in Dortmund anheuert, er muss den Spielern wieder deutlich ihre Grenzen aufzeigen und sich bei der Zusammenstellung des Kaders dafür stark machen, dass Spieler mit Kampfgeist und Charakter geholt werden. Andernfalls droht die Borussia im Niemandsland der Liga zu versinken.