Milans 0:1-Niederlage gegen Benevento im heimischen San Siro war der Tiefpunkt der Rossoneri in den letzten sieben Jahren. Und das obwohl man gedacht hatte, dass es nach dem 2:2 im Hinspiel und dem Last-Minute-Tor von Keeper Brignoli gar nicht mehr schlimmer kommen kann. Nun, es kann. Einige Wochen, nachdem sie in Mailand plötzlich wieder von der Königsklasse träumen konnten, ist die Mannschaft von Gennaro Gattuso auf dem harten Boden der Realität gelandet.


Dass es so schlimm kommt, war vor einigen Wochen nicht abzusehen. Die Mannschaft schien gefestigt, man hatte das Gefühl, da stünde eine Einheit auf dem Platz. Milan schlug die beiden Römer Vereine, kassierte über mehrere Wochen keine Tore und verlor erst im März das erste Mal im Jahr 2018. Und jetzt? Was ist in nur vier Wochen geschehen, dass die Rossoneri plötzlich wieder zu den formschwächsten Team der Liga gehören?

Gattuso & Cutrone

Das zu eruieren, ist nicht einfach. Es liegt zwar in der Natur des Vereins, nach großen Siegen stets eine peinliche Niederlage folgen zu lassen. Man erinnere sich dabei an das Champions-League-Viertelfinal 2004 gegen La Coruna oder das Final 2005 gegen Liverpool. Oder an die Tatsache, dass man bei jedem Trainer seit Allegri mal das Gefühl hatte: Doch, jetzt geht es bergauf. Nur um dann wieder hinzufallen. Das war bei Inzaghi so, bei Mihajlovic und bei Montella. Und nun bei Gattuso.


Dass man sich bei Milan gerne auf den eigenen Lorbeeren ausruht, darf jedoch nicht als Begründung für die neuerliche Baisse angesehen werden. Vielmehr ist diese auf dem Platz zu suchen. In Mailand müssen sie mittlerweile nämlich auch eingesehen haben, dass man mit Spielern, die man aus Wolfsburg, Florenz, Leverkusen oder Villareal holt, in Italien keine Titel holt. Von den elf Neuverpflichtungen hat lediglich einer das Prädikat Weltklasse verdient: Leonardo Bonucci.

Bonucci, Bonaventura & Rodriguez am Boden nach der Partie gegen Sassuolo

Die anderen neuen Spieler sind keine Fehleinkäufe, das wäre zu einfach. Aber die Zusammenstellung des Kaders ist falsch. Man nehme zum Beispiel die drei Stürmer. Da ist Patrick Cutrone, ein Kämpfer vor dem Herrn und der Liebling der Tifosi, aber in seinen Bewegungen zu übermütig. Da ist Nikola Kalinic, der Sündenbock. Ein Spieler, dessen Selbstvertrauen nach diversen Pfeifkonzerten im Keller ist und der nur dann hilft, wenn er den Ball perfekt in seine Füsse oder auf seinen Kopf bekommt. Und da ist André Silva, ein kopfballstarker Mann, dessen Dribblings zu gefühlt 99 Prozent beim Gegner enden und der mit den Gedanken wohl noch bei den portugiesischen Lobgesängen ist, die ihn als Nachfolger von Cristiano Ronaldo sehen.


Drei komplett verschiedene Spieler kämpfen um einen Platz, sofern Gattuso bei seinem 4-3-3 bleibt. Das misslungene Experiment 4-4-2 vom Wochenende gegen Benevento rät es ihm an. Wo drei Stürmer aber Tore schiessen sollen, egal in welchem System, da müssen Bälle her. Die sollten Suso und Calhanoglu liefern. Während der Türke nach wie vor in guter Form ist, zuletzt aber angeschlagen fehlte, scheint der Spanier nur noch auf die Vollzugsmeldung eines Wechsels zu warten. Dass Suso nicht mehr an das Projekt Milan glaubt, ist augenscheinlich, dass er das Gefühl hat, immer noch der beste Spieler dieser Mannschaft zu sein, offensichtlich. Dabei sollte er vielleicht auch mal seine eigene Spielweise überdenken. Und seinen rechten Fuß trainieren, damit er nicht mehr jede Flanke mit diesem unters Stadiondach haut.

Biglia, Kèssiè & Suso gegen Arsenal

Eine weitere Problemzone: Das Mittelfeld. Dort hat man mit Biglia einen Mann, der ein Spiel wohl beruhigen kann wie kein Zweiter in Italien, der das aber auch in den falschen Situationen konsequent macht. Dort hat man mit Kessié ein Laufwunder, ein Rhinozeros, das alles aus dem Weg räumen kann, das aber eine Wundertüte ist: Mal Champions League, mal Serie B. Und man hat Bonaventura: Seine gute Form im späten Winter war wohl nur ein Strohfeuer, das längst wieder erloschen ist.


So gibt es in Milans Offensive momentan keine Gewinner. Ganz anders in der Defensive. Bonucci, der den Milan-Fans mit seinem Jubel gegen Ex-Verein Juventus einen Gänsehaut-Moment bescherte, führt seine Verteidiger-Kollegen an. Romagnoli hat längst bewiesen, nicht einfach nur ein Talent zu sein. Und dann gibt es noch die zwei Back-Ups Musacchio und Zapata, die da sind, wenn sie gebraucht werden. Lediglich Rodriguez stagniert, Gattuso sollte sich überlegen, mal den zuverlässigen Musterprofi Antonelli auflaufen zu lassen.


Milan hat in den letzten Wochen bewiesen, dass eine gute Stimmung im Team alleine nicht genügt, um in Italien zu bestehen. Es braucht mehr. Eine gute Defensive ist eine Basis, sie garantiert aber nur dann Erfolg, wenn die Vorderleute Tore schießen. Es braucht also ein System, das nicht komplett auf Suso ausgerichtet ist. Ansonsten wird Milan einmal mehr zum Robin Hoods Italiens. Es nimmt den starken Teams die Punkte, nur um sie dann den schwachen Mannschaften zu verteilen.


Von Marcel Rohner, Redakteur bei AC Milan News (Deutsch)