​Nico Elvedi hat sich bei Borussia Mönchengladbach in der Abwehr fest etabliert. Als Talent aus der Schweiz gekommen, ist der 21-Jährige inzwischen Stammspieler am Niederrhein und Nationalspieler unter Vladimir Petkovic für die Schweiz. 90min.de sprach mit dem Verteidiger über die aktuelle Saison der Fohlen, die Kritik der Anhänger und die Weltmeisterschaft in Russland. 


90min.de: Sie sind jetzt beinahe drei Jahre in Mönchengladbach. Sie kamen als Perspektivspieler vom FC Zürich an den Niederrhein, heute sind Sie Stammspieler. Wie bewerten Sie ihre Entwicklung in dieser Zeit?


Nico Elvedi: Sehr positiv. Vor drei Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich heute da stehe, wo ich jetzt bin. Ich hatte Glück mit den Trainern, die mich eingesetzt, mir das Vertrauen gegeben und mich zu einem besseren Spieler gemacht haben. Ich hoffe, dass es so weitergeht und ich weiterhin so viele Spiele machen kann wie möglich, dass ich so der Mannschaft helfen kann. Dann bin ich zufrieden.


90min.de: Sie haben drei Trainer an der Seitenlinie der Borussia miterlebt. Zunächst Lucien Favre, dann Andre Schubert, aktuell Dieter Hecking. In wessen System fühlen Sie sich am wohlsten, welche taktischen Anforderungen haben Ihnen am meisten zugesagt, wer hat Sie am besten weiterentwickelt?


Elvedi: Das ist schwer zu sagen, ich habe eigentlich von allen dreien sehr viel profitiert. Lucien Favre hat mich zu Borussia Mönchengladbach geholt, leider konnte ich unter ihm kein Spiel machen. Andre Schubert hat mich dann sozusagen aufgezogen in der Bundesliga. Unter ihm durfte ich das erste Spiel und viele weitere machen. Jetzt bei Dieter Hecking wurde ich Stammspieler, daher habe ich allen Trainern sehr viel zu verdanken, wo ich jetzt bin.

Borussia Moenchengladbach v VfL Wolfsburg - Bundesliga

Unter Andre Schubert gab Nico Elvedi sein Bundesliga-Debüt



90min.de: In der Bundesliga wird mehr und mehr auf Dreierkette umgestellt. Wo sehen Sie sich in einem solchen System, eher hinten in der Innenverteidigung, oder auf der Außenbahn?


Elvedi: Für mich ist die Position nicht so wichtig. Als Außenverteidiger kann man da natürlich noch mehr machen, als in der Dreierkette. Aber welches System für mich besser ist, ist schwer zu sagen. Ich fühle mich auf beiden Positionen wohl.


90min.de: Wo sehen Sie noch großes Entwicklungspotential bei Ihnen? Ist eine dauerhafte Vertretung für Oscar Wendt denkbar?


Elvedi: Ich denke, dass ich momentan schon viele Positionen spielen kann, und nicht noch weitere erlernen muss. Ich würde mich gerne auf eine Position konzentrieren. Welche das dann ist, ist egal. Hauptsache ich kann dort so viele Spiele wie möglich machen und mich weiterentwickeln.


90min.de: Ist es ein wenig der „Fluch des Talents“ mit der Polyvalenz? Sie haben in dieser Saison auf drei verschiedenen Positionen gespielt (RV, IV, LV).


Elvedi: Für mich persönlich wäre es schon besser, wenn ich mich auf eine Position fokussieren könnte. Für den Trainer ist das natürlich optimal, weil er weiß, er kann mich auf verschiedenen Positionen einsetzen, wenn jemand verletzt ausfällt. Für meine Entwicklung aber wäre es das Beste, wenn ich mich auf eine Position konzentrieren könnte. Ob das dann rechts oder in der Innenverteidigung ist, ist aber egal.


90min.de: Nachdem es die letzten Jahre gefühlt stetig bergauf mit Ihnen und im Gleichschritt der Borussia ging, ist diese Spielzeit eher ein Rückschlag. Woran hat es gelegen ihrer Meinung nach?


Elvedi: Diese Saison konnte jeder gegen jeden gewinnen, es gab kaum Konstanz, Sieg und Niederlage haben sich ständig abgewechselt bei den Mannschaften. Das war auch bei uns das größte Problem, die fehlende Konstanz. Wir haben es nicht geschafft, eine Serie zu starten und mehrere Spiele hintereinander zu gewinnen. Nächste Saison ist unser Ziel natürlich, dass wir konstanter spielen und auch die Spiele gegen vermeintlich kleinere Gegner gewinnen.

Bayer 04 Leverkusen v Borussia Moenchengladbach - Bundesliga

Es lief nicht immer rund diese Saison für die Borussia 



90min.de: Neben Ihnen hat der Verein viele talentierte junge Spieler, dazu sehr erfahrene Akteure trotz jungen Alters. Könnte man sagen, dass in Gladbach aktuell etwas Neues auf den Weg gebracht wird, was zusammenwachsen muss?


Elvedi: Ich denke, wir haben die perfekte Mischung zwischen erfahrenen und jungen Spielern. Eine Mannschaft braucht die Mischung aus Talenten, die sich entwickeln und erfahrenen Spielern, die für die Mannschaft sehr wichtig sind. Für mich funktioniert es inzwischen schon ganz gut, vielleicht wird es nächste Saison noch besser.


90min.de: Gibt es diese Hoffnung auch intern, dass man sagt, man hat hier großes Potenzial und versucht, das Team zusammenzuhalten?


Elvedi: Ja, auf jeden Fall! Wir hatten diese Saison viele verletzte Spieler, das hat den Trainer immer dazu gezwungen, umzustellen. Das war sicher auch ein Grund für die fehlende Konstanz. Dass wir immer viel wechseln mussten und selten mit der gleichen Elf spielen konnten.


90min.de: Stichwort Anhänger: Die Fans stellten Yann Sommer und Christoph Kramer kürzlich zur Rede, trotz eines Sieges. Per Mertesacker sprach vor kurzem über den Druck im Fußball. Kann man sich als Fußballer auch von einem Verein abgeschreckt fühlen aufgrund der Anhänger oder des Drucks?


Elvedi: Es kommt halt immer auch auf die Situation des Vereins an. Wenn es gut läuft, wird sich kaum ein Fan beschweren. Wenn es nicht gut läuft, ist das halt so. Da kann ich die Fans schon verstehen, dass sie unruhig werden. Wenn die Anhänger dann auf einen Spieler einreden, beschäftigt ihn das natürlich auch. Aber ich denke, mit der Erfahrung und der mentalen Stärke können wir Spieler das ganz gut verkraften.


90min.de: Ist es vielleicht in Gladbach speziell eine Ambivalenz? Einstelligkeit war ausgegeben, aktuell ist es Platz 8, die Fans gehen trotzdem hart mit Ihnen ins Gericht. Ist das nachvollziehbar oder eher unverständlich?


Elvedi: Klar haben wir größere Ansprüche. Wir sehen ja die Tabelle, die Fans auch. Das spüren wir schon ein bisschen. Aber man muss auch sehen, wo der Verein vor ein paar Jahren stand, da hat man gegen den Abstieg gekämpft. Erst seit wenigen Jahren steht Borussia in der oberen Tabellenhälfte. Daran haben sich die Fans ein Stück weit gewöhnt. Wir waren sogar zweimal hintereinander in der Champions League. Jetzt gibt es eine Saison, in der wir nicht in Europa spielen. Natürlich wünschen sich die Fans das internationale Geschäft zurück, das ist absolut verständlich.

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Nico Elvedi (2. von rechts) hofft mit Mannschaftskollege Denis Zakaria (2. von links) auf eine WM-Nominierung für die Schweiz 



90min.de: Wie schätzen Sie ihre persönlichen Chancen für das Aufgebot und die WM in Russland ein?


Elvedi: Ich denke, ganz gut. Wenn ich meine Spiele weiterhin mache, hoffe ich natürlich, aufgeboten zu werden. Da würde ein Traum für mich in Erfüllung gehen.


90min.de: Sehen Sie die Nominierung zuletzt als gutes Zeichen?


Elvedi: Vor zwei Jahren wurde ich zuerst aufgeboten und war dann auch direkt bei der Europameisterschaft dabei. Seither bin ich immer nominiert worden. Wenn jetzt nichts mehr passiert mit Verletzungen, dann hoffe ich natürlich, dabei zu sein. Wenn ich nicht im Kader wäre, würde mich das schon enttäuschen.


90min.de: Ende Januar haben Sie ihren Vertrag bis 2021 verlängert, ein klares Zeichen, den Weg der Raute weiter mitgehen zu wollen?


Elvedi: Ich fühle mich sehr wohl hier in Gladbach und ich habe den Vertrag verlängert, weil ich hier weiterspielen möchte. Das war der Hauptgrund. Was sich dann später ergibt, ob ich irgendwann mal zu einem anderen Verein wechsle, das wird man sehen. Aktuell bin ich in Mönchengladbach und will mit dem Verein auch noch was erreichen.


90min.de: Ein kleiner Blick voraus: Die gängigste Floskel im Geschäft sagt: „Im Fußball kann alles passieren!“ Wie sieht ihre Traumvorstellung für ihre weitere Karriere aus?


Elvedi: Schwer zu sagen. Die Premier League ist natürlich attraktiv. Vielleicht ergibt sich was in der Zukunft, vielleicht bleibe ich in den nächsten Jahren auch in Gladbach.


90min.de: Wäre es für Sie andersherum möglich, dass Sie sagen, ich gehe zum Karriereende noch mal zum FC Zürich zurück?


Elvedi: Ja, das habe ich mir schon gesagt, wenn ich irgendwann über 30 Jahre alt bin, dass ich noch mal gerne in der Schweiz im Raum Zürich spielen und etwas zurückgeben möchte.