"Zettel-Ewald" hat eine wichtige Botschaft: Ewald Lienen will sich den Fußball nicht kaputtmachen lassen. Nicht vom Kommerz, nicht von der Terminhatz und auch nicht von gierigen Verbänden und Funktionären. St. Paulis Technischer Direktor spricht vielen Fußballfans dabei ganz tief aus der Seele. Doch wie kann man die "teuflische" Entwicklung im Business Profi-Fußball aufhalten, wenn sie doch "ein Spiegelbild der Gesellschaft ist", wie Lienen richtig erkennt?


Ende 2014 kam Ewald Lienen zum FC St. Pauli, erst als Trainer, seit vergangenen Sommer als Technischer Direktor. Am Millerntor ist Lienen beim Kult-Klub längst zur Kult-Figur geworden. Der 64-Jährige und der einstige Weltpokalsieger-Besieger, das passt einfach wie die Faust aufs Auge.


Denn Lienen ist jemand, der kein Blatt vor den Mund nimmt, der für die "Kleinen" einsteht und als "Kind der Bundesliga" schon vieles erlebt hat. 333 Partien absolvierte er als Spieler im Oberhaus, gewann 1979 mit Borussia Mönchengladbach den UEFA-Cup. Die Szene, die allen Fußballfans in Erinnerung bleibt, wenn sie an den aktiven Lienen denken, ereignete sich aber gut zwei Jahre später: Nach einem Foul von Bremens Norbert Siegmann sah man Lienen auf dem Rasen sitzen - mit einem aufgeschlitzten Oberschenkel.

Fußballgeschäft "irgendwie geisteskrank"


1989 wechselte Lienen an die Seitenlinie und coachte seither in Deutschland, Spanien, Griechenland und Rumänien 572 Profi-Partien. Die Entwicklung seines geliebten Fußballs konnte der 64-Jährige bis heute hautnah mitempfinden. Und sie gefällt Lienen nicht, das macht er im Interview mit dem ​NDR deutlich: Der Fußball sei zu einem Geschäft verkommen, das "nur noch lächerlich erscheint, irgendwie geisteskrank". Er greift dabei den Weltverband FIFA an, den "Raubtier-Kapitalismus" und die Terminhatz. "Wir müssen uns zur Wehr setzen, um das Schöne und Liebenswerte am Fußball zu bewahren. Und wir müssen aufpassen, dass unser Sport nicht seine Wurzeln verliert", warnt er und spricht dabei vielen Anhängern aus der Seele.

Lienen sucht den Weg an die Öffentlichkeit, um auf die Missstände im Geschäft Profi-Fußball aufmerksam zu machen. Missstände, die immer häufiger thematisiert werden. Auf den Tribünen und unter den Fans in Deutschland werden sie längst schon viel diskutiert. "Der Fußball als Spiegelbild der Gesellschaft", zu diesem Schluss kommt auch Lienen. Der ihn sich aber "nicht kaputtmachen" lassen will. "Ich möchte, dass wir der wirtschaftlichen Ausbeutung Grenzen setzen. Im Fußball wie in der Gesellschaft allgemein", fordert er. 


Die Entwicklung im Fußball als "teuflischer" Kreislauf


Doch wie kann das möglich sein - und warum ist der Profi-Fußball aus Sicht vieler zum Profit-Business verkommen? Die Gründe ergeben einen "teuflischen" Kreislauf, in dem die gesellschaftliche Entwicklung tatsächlich die ausschlaggebende Rolle spielen dürfte. Längst leben wir in einer globalen, profitorientierten Welt. Immer mehr Kommerz, immer mehr Gewinn lautet das allgemeingültige Credo in der freien Marktwirtschaft. Das wirkt sich selbstverständlich auch auf den Fußball aus. Seit es das Profitum gibt, spielen dabei finanzielle Aspekte zwangsläufig eine Rolle.


Doch als etwa Franz Beckenbauer in den 1970er Jahren von der KNORR-Suppe schwärmte, um sich ein paar Mark zusätzlich zu verdienen, wurde das noch schmunzelnd wahrgenommen. Die Spielergehälter waren damals noch in einem gesellschaftlichen Rahmen. Fan und Profi waren nicht Lichtjahre voneinander getrennt. Spätestens mit dem Bosman-Urteil erhielt diese Entwicklung eine neue Dimension: Seit 1990 dürfen Spieler nach Vertragsende ablösefrei wechseln.

Zur Folge hat das immer mehr vor allem eines: Langfristige Verträge existieren nur noch formal. Faktisch aber dienen sie mehr als Absicherung für die meisten Klubs, um einen Spieler gewinnbringend verkaufen zu können. Zeichnete die Stars der 1960er, 70er und 80er Jahre noch Vereinstreue aus, gleicht das moderne Fußball-Business einem Wanderzirkus.


Und hier liegt Problem Nummer zwei: Immer mehr Transfers bedeuten auch immer mehr Geld, das im Umlauf ist. Berateragenturen verdienen sich an Spielerwechseln, die teilweise zum Menschenhandel verkommen, eine goldene Nase. Gab es früher nur Spieler und Vereine, die an einem Transfer involviert waren, sind heute etliche Interessensgruppen involviert: Klub, Spieler, Berater, Firmen, für die der Profi als Werbeträger fungiert, Ausrüster oder etliche weitere "Teilhaber". Die steigenden Summen locken immer mehr Investoren an.


Hier schließt sich der "teuflische" Kreislauf: bei den Investoren. Die gibt es mittlerweile auch in einer Vielzahl auf Vereinsebene. In Deutschland wurde jüngst zwar für 50+1 gestimmt, Lienen nennt das aber "letztlich Augenwischerei". Investoren könnten auch ohne die Mehrheit über Klub-Belange entscheiden. Ähnlich wie Klaus-Michael Kühne beim HSV etwa. Droht er mit dem Abzug des investierten Geldes, bringt er den Klub unter Zugzwang.


In anderen Ländern gibt es dagegen längst überhaupt keine Grenzen mehr: Roman Abramowitsch war beim FC Chelsea erst der Anfang, PSG mit den katarischen Millionen/Milliarden ist nur ein Beispiel aus der Spitze der europäischen Topklubs. Die Transfer-Offensive aus China ein weiteres Exempel. Es zeigt deutlich, wie der Kreislauf funktioniert: Immer mehr Investoren, immer mehr Geld, das im Umlauf ist und das Streben nach Profit führen zu explodierenden Ablösesummen und aufgeblähten Spielkalendern. Die Folge ist letztlich die von einem Großteil der Fans empfundene "Ausbeutung des Fußballs".

FBL-FRA-LIGUE1-PSG

Ausdruck des Wahnsinns: Neymar wird nach seinem 222-Millionen-Euro-Wechsel in Paris präsentiert. Neben ihm PSG-Präsident Nasser Al-Khelaifi (l.).



Kreislauf muss implodieren


Denn nichts anderes passiert, wenn immer mehr Termine und Wettbewerbe dazukommen. "Ketzerisch könnte man sagen: Irgendwann gibt es eine Weltmeisterschaft mit 48 Mannschaften in Sechsergruppen, und die ersten Fünf kommen weiter", sagt Lienen. Das Problem: Keiner sägt sich den Ast, auf dem er sitzt, selbst ab. Und so wird sich die Mühle wohl weiterdrehen, um aus dem Geschäft Profi-Fußball so viel Geld wie möglich herauszuholen. Aufseiten der Verbände und Vereine, genauso wie aufseiten der Berater und vieler Spieler.


Stoppen kann man diese Entwicklung nicht mehr. Dazu ist sie, wie Lienen richtig sagte, zu sehr im global- und profitorientierten Gesellschaftssystem verankert. Die Kluft zwischen Basis und Spitze, Fan und Profi-Business wird weiter größer werden - gleich der Schere von Superreich- und Normalbürger. Daran ändern auch Proteste und Boykotts durch die Anhänger und mahnende Worte (von einigen Wenigen) besorgten Beteiligten nichts. Es wird so weiter gehen, bis die Blase platzt und das System in sich selbst zusammenfällt. Kämpfen um die "Rückkehr zu den Wurzeln" sollte dennoch jeder - vielleicht bringt man so das System schneller zum Sturz.