Lothar Matthäus bekräftigt seine Kritik an Per Mertesacker nach dessen Aussagen über den Druck im Profifußball. Vor allem am Zeitpunkt stört sich der Weltmeister von 1990. "Matthäus versteht das gar nicht", hält Ex-Kollege Stefan Effenberg dagegen und meint, Mertesacker spreche vielen Profis aus der Seele.


​Einen Tag vor seinem 57. Geburtstag hat Lothar Matthäus seine Kritik an den Aussagen von Per Mertesacker über den Druck im Profifußball erneuert. "Ich verstehe natürlich, dass jeder mit Druck unterschiedlich umgeht, aber wenn ich 2006 Druck spüre, dann zeige ich Größe, wenn ich das auch 2006 kommuniziere. Nicht erst 2018, wenn die Karriere vorbei ist", meinte Matthäus in einem Interview mit der Augsburger Allgemeine


Die ersten Äußerungen des ehemaligen DFB-Kapitäns zu Mertesackers offenen Worten hatten bereits zu kontroversen Diskussionen geführt. Matthäus will sie aber, wie auch dieses Mal, nicht als Angriff auf den Arsenal-Verteidiger verstanden wissen, der im Sommer seine Fußballschuhe an den Nagel hängt. Er habe lediglich gesagt, "dass ich seine Aussagen aus meiner persönlichen Erfahrung nicht nachvollziehen kann", bekräftigte Matthäus, hielt aber auch fest: "Per Mertesacker hat nach 2006 noch vier oder fünf Verträge im Profifußball unterschrieben. Das ist das, was ich im Nachhinein nicht verstehe."

Matthäus will sich kein Urteil anmaßen


Mertesacker habe auf ihn immer einen "sehr charakterstarken Eindruck gemacht". Dennoch wolle sich Matthäus "kein Urteil über seinen Seelenzustand" anmaßen. Druck gehöre eben als "Teil des Systems"dazu. Er verstehe nicht, warum Mertesacker bei der Heim-WM 2006 überhaupt gespielt habe, wenn der Druck für ihn so unerträglich gewesen sei. "Ein anderer hätte sich gefreut, wenn er gespielt hätte. Und das ist doch unser Glück, dass wir unser Hobby zum Beruf gemacht haben und das auch andere, schöne Seiten mit sich gebracht hat", so der 57-Jährige. 


Er selbst habe diesen belastenden Druck nie verspürt: "In meiner aktiven Karriere habe ich nur Spaß gehabt am Fußball. Ich war nur glücklich, auf dem Platz zu stehen." Betonte dabei aber ausdrücklich, dass er ausschließlich für sich spreche. Für ihn sei der Druck sogar noch größer gewesen bei den Mannschaften und den Positionen, auf denen er gespielt habe. "Wenn wir mit Bayern München verloren haben, dann hat nicht irgendwer eine auf die Schnauze bekommen, sondern ich. Da musst du einfach stark genug sein, vom Charakter da dagegenzuhalten", sagte der ehemalige Bayern-Kapitän.


Kritik von Effenberg an Matthäus


Während Mätthaus bei seinem Standpunkt bleibt, schlägt sich sein ehemaliger Bayern-Teamkollege auf die Seite von Mertesacker - und äußert deutliche Kritik an Matthäus' Worten. Er habe "allerhöchsten Respekt" vor Mertesacker, betonte Stefan Effenberg in seiner Kolumne für t-online. Der 33-Jährige habe trotz der Belastung immer seine Leistung abgerufen, ​viele andere Spieler schaffen das aber nicht, meint er. Das sei eine "riesige Gefahr". Junge Spieler, im Alter von 18, 19 Jahren, wenn man normalerweise seine ersten Schritte im Leben mache, müssten Woche für Woche "vor 70.000 Leuten einfach funktionieren". Dann werde man "teilweise von den Medien angeschossen oder an den Pranger gestellt. Daran kann man zerbrechen", so Effenberg.

Die Medienlandschaft trägt für den 49-Jährigen eine große Verantwortung. Die Bild-Serie "Partyalarm – hier können Sie mit den Bundesliga-Stars feiern… Wo sie essen, wo sie wohnen und wo sie shoppen" empfindet er deshalb "als absolute Unverschämtheit. Die wollen den Spielern auch den Rest der Privatsphäre nehmen", kritisiert Effenberg.


Der Druck gerade bei Topmannschaften wie Bayern oder dem BVB wachse immer mehr. Das Argument "die verdienen ja auch Millionen" kotze ihn an. Und auch die Sichtweise von Matthäus kann er nicht nachvollziehen. "Wollen wir ernsthaft über den Zeitpunkt diskutieren? Ich möchte mich davon distanzieren", schreibt Effenberg. Mertesacker sei bei der WM 2006 erst 21 Jahre jung gewesen und habe in einem Lernprozess gesteckt. Nun habe er eben die Reife gefunden für solch offene Worte. 


Deshalb könne er ihn "zu hundert Prozent nachvollziehen". Im Sommer wird Mertesacker dann bei Arsenal Leiter der Jugendakademie. Matthäus hatte bezweifelt, ob er diesen Job überhaupt ausführen könne. Effenberg glaubt dagegen, dass Mertesacker nach seinen Aussagen prädestiniert dafür ist: "Er hat selbst die schwierige Erfahrung mit dem immensen Druck gemacht und kann sie weitergeben - das ist Gold wert. Er weiß, wovon er spricht. Er kennt die Situation." Matthäus verstehe das gar nicht oder wolle es nicht verstehen, wird Effenberg deutlich.