Großes Beben, Chaos und Fan-Anfeindungen: Der HSV gibt auch unter neuer Führung ein erschreckendes Bild ab. Die "Resthoffnung auf den Klassenerhalt" soll nach der Entlassung von Bernd Hollerbach U21-Coach Christian Titz nähren. Vorstandsboss Frank Wettstein hofft derweil auf ein neues Wir-Gefühl - und droht den Spielern. Der neue HSV wirkt wie der alte.

Fünf Tage, drei Entlassungen und eine 0:6-Klatsche in München: So liest sich die Chronik des HSV. Es fing an mit den Entlassungen von Heribert Bruchhagen und Jens Todt zwei Tage vor dem Spiel beim FC Bayern - wo der HSV regelmäßig eine deftige Abfuhr kassiert. Vergangenen Samstag haben sich dann die schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet - und noch schlimmer: Die Rothosen haben sich in der Allianz-Arena ihrem Schicksal ergeben und die Pleite von Beginn an über sich ergehen lassen.


Die Verantwortlichen um den neuen Vorstandschef Frank Wettstein sahen sich darauf "zum Handeln gezwungen" und entließen auch Sieglos-Trainer Bernd Hollerbach nach nur sieben Partien an der Seitenlinie. "Die sieben Spiele in Folge ohne Sieg haben auch Bernd Hollerbach mitgenommen. Der Umstand, dass die Mannschaft in München ausgerechnet seine Grundtugenden nicht eingebracht hat, hat uns alle sehr überrascht", begründet Wettstein die ​Beurlaubung Hollerbachs. "Die sportliche Gesamtlage nach der 0:6-Niederlage in München" sei "intensiv analysiert und diskutiert" worden. "Am Ende sind wir zur Überzeugung gelangt, dass wir im Hinblick auf unsere Chancen im Kampf um den Klassenerhalt handeln mussten."


Art und Weise und die Bereitschaft zur Gegenwehr seien alarmierend gewesen. Hollerbach musste gehen. Bei seiner Entlassung gab der HSV (mal wieder) kein gutes Bild ab. Die Medien wussten schon vor der offiziellen Verkündung Bescheid, ​Hollerbach wurde am Telefon darüber informiert. Nun soll mit ​U21-Coach Christian Titz ein "Impuls eines unverbrauchten Trainers" her, um die "Restchance" auf den Klassenerhalt zu wahren. Dazu müsse der Klub auch seinen "Selbstzerstörungstrieb ausschalten", "zusammenhalten" und die "Mannschaft weiter unterstützen", so Wettstein. Dass der erste Bundesliga-Abstieg kaum noch abzuwenden ist. Dass mit Titz wahrscheinlich ein weiterer Trainer verbrannt wird - Schwamm drüber.


Wettstein will zusammen durch dick und dünn gehen


Wettstein spielt lieber auf das an, was nach dem München-Debakel auf dem Trainingsgelände geschah. Einige "Fans" des HSV präsentierten ein geschmackloses Banner - daneben Kreuze wie auf dem Friedhof. "Eure Zeit ist abgelaufen. Wir kriegen euch alle!", war darauf zu lesen.

Wettstein spricht dabei von "einer ganz kleinen Menschenmenge", von der "solche Dummheiten" ausgehen würden. Dem Großteil der Fans seien eher "Ratlose, Resignierte, Nörgler, Traurige, Spötter, aber auch einige Überzeugte", zu denen er sich auch zähle. "Wir gehen durch dick und dünn, auch wenn es schwerfällt", versucht er ein Wir-Gefühl zu erzeugen.


Das große Problem ist nur: Die neue HSV-Spitze dient als ganz schlechtes Vorbild. Es begann alles mit dem denkbar ungünstigsten Zeitpunkt für die Entlassung der bisherigen Verantwortlichen Bruchhagen und Todt. Es wäre ein leichtes gewesen, sich von den beiden nach dem Spiel gegen die Bayern zu trennen. Oder hat irgendjemand im Umfeld des HSV ernsthaft mit Punkten gegen den Rekordmeister gerechnet?


Der "neue HSV" im alten Gewand 


So gab man den Spielern erneut ein Alibi, die dieses auch dankbar annahmen. Nach der Pleite startete dann die nächste Stufe des "Selbstzerstörungsmodus". Die Spieler gingen aufeinander los: Kyriakos Papadopoulos kritisierte, dass man im Winter keine neuen Spieler verpflichtet hatte, Torlos-Stürmer Sven Schipplock fand es unglaublich, dass es "einige immer noch nicht kapiert haben". Der Gipfel des Ganzen: HSV-Präsident Bernd Hoffmann, der doch mit der Neuausrichtung des Klubs so schnell beginnen wollte, hielt es nicht für nötig, in München anwesend zu sein.

Stattdessen weilte Hoffmann lieber im Urlaub in Dubai und überließ den führungslosen HSV sich selbst. Eigentlich unglaublich - spräche man nicht vom Hamburger SV. Weg von der Selbstzerstörung hin zum neuen Zusammenhalt an der Elbe, spricht Wettstein gleich eine Drohung an das aktuelle Personal aus. Sollte der neue Coach "Spieler identifizieren, die sich nicht mit ausreichend Engagement den gemeinsamen Zielen widmen, kann es ​rigoros durchgreifenUnd bevor jetzt jemand denkt, dass einige unserer Spieler einfach lächelnd zum nächsten Klub gingen, falls wir absteigen sollten, dann muss ich mahnend den Finger heben. Eine Großzahl unserer Akteure hat einen gültigen Zweitligavertrag. Und wir werden bestimmt nicht jeden wechselwilligen Profi ziehen lassen, der uns mit in diese Lage gebracht hat."


Per Drohung zum neuen "Wir" also, den Fokus "auf die Erstklassigkeit" gerichtet. "Nichts unversucht lassen": Der neue HSV klingt irgendwie ganz so wie der HSV der vergangenen Jahre. Und ist das nicht schon Armutszeugnis genug, soll es jetzt auch noch ​Thomas von Heesen als Interims-Sportchef richten. Ein Ex-HSV-Spieler, der bei seinen früheren Engagements im Klub ​viel verbrannte Erde hinterlassen hat und mit den Planungen für die kommende Saison nichts zu tun haben soll.


Man muss Schlimmstes befürchten, hält man es mit dem HSV. Stand jetzt scheint auch die Neuausrichtung in der Zweiten Liga nicht der geplante Reset zu werden. Derzeit droht eher der tiefe Fall in einer Abwärtsspirale, die sich auch im Unterhaus weiterdrehen wird. Der neue HSV wirkt einfach zu sehr wie der alte.