​Beim 3:2-Erfolg über den 1. FC Köln zeigte der VfB Stuttgart in der ersten Halbzeit eine der schwächsten Saisonleistungen und ging dennoch mit einer Führung in der Pause. In der zweiten Spielhälfte verwaltete das Team von Trainer Tayfun Korkut das Spiel zwar gewohnt pragmatisch, die Spielweise gegen das Tabellenschlusslicht lässt dennoch Fragen aufkommen.


Begrenzt man sich bei der Analyse der Stuttgarter Situation auf die Punkteausbeute in den letzten Partien, könnte das Zeugnis für die Schwaben kaum besser ausfallen: 13 Punkte aus den letzten fünf Partien sprechen eine eindeutige Sprache. Vom Abstiegskandidaten entwickelte sich der Aufsteiger binnen eines Monats, zumindest punktetechnisch, zu einem ​Anwärter auf die Europapokal-Plätze.


Der Aufstieg des VfB ging dabei Hand in Hand mit einer spielerischen Vereinfachung der Stuttgarter. Der neue Cheftrainer Tayfun Korkut fand die richtigen Stellschrauben und konnte die Defensive komplett stabilisieren. In der Offensive zeigten sich die Stuttgarter dabei jedoch nicht sonderlich kreativ, konnten sich aber auf den ​wiedererstarkten Mario Gomez verlassen und hatten zudem in einigen Partien auch das Spielglück auf ihrer Seite.

Eben jenes Spielglück war Ex-Trainer Hannes Wolf, nach dem Gewinn der Zweitligameisterschaft und einer ordentlichen Hinrunde, im Dezember und Januar komplett abhanden gekommen. Dabei stellte der 36-Jährige mitunter mutiger auf als sein Nachfolger, wurde von seinen Offensivspielern aber häufig im Stich gelassen. 


Der Systemwechsel der Stuttgarter auf eine Doppelspitze unter Korkut, hat dem Angriff des Aufsteigers jedoch zweifelsohne mehr Wucht verliehen. Beim Spiel gegen das Tabellenschlusslicht aus Köln wurden jedoch auch Schwächen im System der Stuttgarter augenscheinlich. Durch einen cleveren Schachzug gelang es FC-Trainer Stefan Ruthenbeck, die Zentrale der Stuttgarter lahm zu legen und so fiel den Männern mit dem roten Brustring nur wenig ein, um für Entlastungen zu sorgen.


Doch durch zwei Patzer in der Defensive der Kölner wurden den Gästen zwei Tore auf dem Silbertablett präsentiert und man ließ sich nicht zwei Mal bitten. In der zweiten Hälfte konnte man das Spiel dann beruhigen und gegen den psychisch angeknacksten 'Effzeh' über die Ziellinie retten. Wie auch in den Spielen zuvor wurde deutlich: Führung halten, das können die Stuttgarter, aber eine Führung ausbauen und über 90 Minuten den Ton angeben, eher selten.

Auffällig sind unter Korkut die sehr konservativen Wechsel nach knappen Führungen. Zumeist beschränkt sich der Deutsch-Türke darauf, die ohnehin sichere Verteidigung durch weitere defensiv-orientierte Spieler zu verstärken. Für echte Entlastungen durch offensive Wechsel sorgt er nur selten. Bislang ging diese Marschroute zwar vollkommen auf, spielerisch ist sie aber noch lange nicht das gelbe vom Ei. 


Man mag nun, nicht zu Unrecht, einwerfen, dass von einem Aufsteiger auch nicht zwingend zu erwarten sei, die Konkurrenz durch eine attraktive Spielweise auseinander zu zaubern. Der spielerische Anspruch wird im kritischen Stuttgarter Umfeld aber mit der Zeit wachsen. Nach dem charismatischen Hannes Wolf, der von seiner Denkweise und seinem Auftreten für frischen Wind im Traditonsverein gesorgt hatte, erweist sich Tayfun Korkut derzeit als Glücksgriff im Abstiegskampf. 


In der Vergangenheit kündete Sportvorstand Michael Reschke aber an, dass man in wenigen Jahren wieder regelmäßig um die Teilnahme an den europäischen Wettbewerben mitspielen will. Den Beweis, dass Korkut eine Mannschaft auch auf lange Sicht spielerisch weiter entwickeln hat der 43-Jährige aber, wie auch sein junger Vorgänger, noch nicht erbracht. 


Am kommenden Wochenende treffen die Schwaben mit RB Leipzig auf einen Gegner, der dem Team auf spielerischer und taktischer Ebene wieder alles abverlangen wird. Auch Ralph Hasenhüttl wird die wacklige erste Halbzeit gegen den 1. FC Köln nicht entgangen sein und so könnte das Spiel gegen die 'Bullen' ein neuer Gradmesser werden.