Zwischen Identifikationsfiguren und finanziellem Gewinn. Der Bayern-Campus soll beim FC Bayern die Weichen der Zukunft stellen. Jugendchef Jochen Sauer will regelmäßig Alternativen für den Profi-Kader aus den eigenen Reihen anbieten können, dämpft aber die Erwartungen. Man könne nicht jedes Jahr den Durchbruch eines Mega-Talents voraussetzen. Ein Blick auf den internationalen Vergleich gibt ihm recht.

Der FC Bayern hat mit dem im August 2017 eröffneten Nachwuchs-Campus das öffentliche Interesse auf die Talentförderung gelenkt. ​Gerade Präsident Uli Hoeneß sieht sein "Herzens-Projekt" als Antwort auf die Transfer-Gebahren der jüngsten Vergangenheit. Zwei Jahre und rund 70 Millionen Euro investierte der Rekordmeister in die neue Heimat des Bayern-Nachwuchses von der U9 bis zur U19.


Blickt man allein auf die Zahlen, wird schnell deutlich, dass die angepriesene Antwort auf die mit Geld nur so umwerfende europäische Konkurrenz trügerisch ist. Der Vergleich etwa mit Manchester City hinkt gewaltig. City-Scheich Mansour Bin Zayed Al Nahyan investierte schon Ende 2014 250 Millionen Euro in ein Jugend-Zentrum für die Skyblues. Den Durchbruch schaffte bislang noch keines der zahlreichen Talente.

Es zeigt auf der einen Seite, wie schwer es gerade bei den Top-Klubs geworden ist, auf Anhieb eine Rolle im Profi-Team zu spielen und auf der anderen Seite, wie verwegen es ist anzunehmen, mit dem neuen Campus würde der FCB Top-Talente am Fließband produzieren. Jochen Sauer, Leiter der Nachwuchsabteilung beim Rekordmeister, schätzt die Situation deshalb auch realistisch ein. Der neue Münchener Prestige-Bau sei vor allem ein "Wettbewerbsvorteil im Vergleich zur bisherigen Situation", so der 45-Jährige im Gespräch mit der ​TZ. "Nicht nur wegen der Infrastruktur, sondern auch weil wir mit der Eröffnung des Campus inhaltliche Aufbruchstimmung signalisieren können."


Von den guten mannschaftlichen Ergebnissen will er sich nicht blenden lassen. Sie seien zwar auch wichtig, im Vordergrund steht aber die individuelle Entwicklung. "Uns geht es schon darum, dass unsere Jungs Profis werden. Besonders schön wäre es, wenn das viele hier beim FC Bayern schaffen. Das ist in erster Linie das gemeinsame Ziel", bekräftigt Sauer. Derzeit liegt die U19 in der Bundesliga Süd/Südwest auf Rang zwei, die U17 ist Tabellenführer.

Konkret sei die Zielsetzung, dass der jeweilige Profi-Coach immer "zwei, drei" Alternativen aus dem Nachwuchs habe, um Kaderplätze auszufüllen. Möglicherweise könne man sich in Zukunft Transferkosten sparen, indem keine teueren externen Back-ups mehr verpflichtet werden müssten, so Sauer weiter. Der ehemalige Geschäftsführer von Red Bull Salzburg weist auch auf die finanziellen Faktoren hin. Ein Erfolg wäre es auch, einen Jugendspieler gewinnbringend zu verkaufen.

Der Durchbruch beim FC Bayern, wie ihm zuletzt David Alaba vor acht Jahren gelang, bleibt für Sauer eine Ausnahme. "Wir werden nicht jedes Jahr einen Superstar ausbilden können, der am Ende einen Marktwert von 100 Millionen hat. Und wir werden auch nicht jedes Jahr einen Spieler für die Profi-Mannschaft entwickeln können, der von jetzt auf gleich in der Startelf steht", meint er. 


Längst haben sich die explodierenden Preise auch auf den Nachwuchs-Transfermarkt ausgewirkt. Nich selten wird für einen Teenager ohne jegliche Profi-Erfahrung ein Millionenbetrag ausgerufen. Der FC Bayern muss in diesem globalen Wettbieten im Spiel bleiben, um die Chance zu vergrößern, ein Top-Talent aus den eigenen Reihen ausbilden zu können. Aktuelle Beispiele sind der 18-jährige Wooyeong Jeong aus Südkorea, Joshua Zirkzee (16) aus den Niederlanden und der 17-jährige Luxemburger Ryan Johansson, die aus dem Ausland in die neue Bayern-Jugendakademie gewechselt sind. Sauer nennt in Zukunft auch explizit den wachsenden US-Markt als potenzielles Ziel.


Die Chance auf den nächsten Müller oder Alaba wird dadurch größer und auch die Ausbildung im neuen Campus noch zielgerichteter. Eine Garantie ist sie allerdings bei Weitem noch nicht. Das weiß man nicht nur beim FC Bayern.